Lieblingskinderbücher Nr. 4 – Zinnober in der grauen Stadt

Lieblingskinderbücher Nr. 4 – Zinnober in der grauen Stadt

Der Maler Zinnober liebt alle Farben, doch was nützt es, wenn er doch in einer Stadt lebt, in welcher alle ihre Wände nur grau und ihre Zäune schwarz streichen lassen?

„Nehmen Sie lieber gleich Schwarz, da sieht man den Ruß nicht so.“

Ein Graumaler ist er, wie ihn die Kinder trefflich nennen und grau färbt es auch auf sein Gemüt ab, bis besagte Kinder ihm die Lust an der Farbe mit Straßenkreiden wieder vor Augen führen.

Zinnober wagt die heimliche Revolution und bringt auf eigene Faust und im Geheimen die Farben und das Spiel mit den Formen zurück in die Stadt. Bald findet er Verbündete in seinem Treiben und gemeinsam schaffen sie einen Wandel, ein echtes Wunder.

Zinnober in der grauen Stadt von Margret Rettich ist immer noch (es erschien erstmals 1973) ein wunderschönes Kinderbuch, das nicht ohne Grund 2013 als Ravensburger Kinderklassiker wieder aufgelegt wurde.

Es überrascht auch nicht, dass es zu den Lieblingskinderbüchern Niki Amanns gehört. Das bunte Wunder im Buch entspricht so sehr ihrer eigenen Gewohnheit mit allen Farben ihre Umwelt zu gestalten, dass ich meine, hätte es dieses Buch nicht schon gegeben, es hätte für sie geschrieben werden müssen! Vielen Dank Niki, dass du mir dieses Buch vorgestellt hast!

Zinnober in der grauen Stadt wird zur Zeit im Theater an der Parkaue auf die Bühne gebracht. Die Spielzeiten findet ihr hier. Vielleicht eine Idee für einen Familienausflug?!

Niki Amanns eigenes Bilderbuchkunstwerk mit Lieblingsbuchpotenzial Monsterkinder könnt ihr hier erwerben.

 

Zinnober in der grauen Stadt

Text und Illustration: Margret Rettich

Ravensburg 2013

Ravensburger Buchverlag

 

Eine der beeindruckendsten Eigenschaften von Pappebüchern ist ihre lange Haltbarkeit bei gleichzeitig hoher Nutzungsfrequenz durch viele Personen.
Sie können vielen Generationen von Kindern gehören und gleichzeitig in einem Leben immer wieder auftauchen und wichtig werden, wenn wir sie als große Geschwister, Eltern, Großeltern … aufs Neue zur Hand nehmen.
Das ist besonders.

Auch andere Bücher begleiten mehrere Generationen, werden sehr alt und bestimmt auch älter als die meisten Pappebücher für Babys und kleine Kinder. Wenn Großeltern ihren Enkeln ihre private Bibliothek vererben, ist es sehr leicht möglich, dass sich darin Bücher von 200 oder mehr Jahren befinden und trotzdem ist es ebenso leicht denkbar, dass eben diese Bücher in ihrer ganzen Zeit nur 4 oder 5 Besitzer hatten. Das schafft ein Pappebuch selbst in einer kinderarmen Familie locker in 20 Jahren. Hinzu kommt, dass das Pappebuch von jedem seiner Besitzer vielleicht viele dutzend Male betrachtet wurde. Das schafft sonst höchstens ein gut gehütetes Nachschlagewerk, ein umfangreiches (und teures) Lexikon vielleicht, eine Familienbibel o. ä., aber seien wir mal ehrlich, diese leiden heute an einem drastischen Bedeutungsverlust. So traurig dies auch manchmal sein mag.
In der Vielnutzbarkeit und Langlebigkeit von Pappebüchern liegt ein besonderer Zauber.

Es ist auch ein gutes Gefühl etwas, das man nun nicht mehr selbst braucht, weil man der Geschichte zum Beispiel einfach entwachsen ist, weitergeben zu können. Schon Kinder kennen dieses Gefühl und schenken oft gern an kleinere Kinder weiter. Ein ebenso schönes Gefühl ist es, die Bilder und Geschichten, die den eigenen mentalen Horizont in früher Kindheit geprägt haben, beim Vorlesen wiederzuentdecken. Manchmal versteht man sich dann selbst ein wenig besser, manchmal muss man allerdings auch den Kopf schütteln, wenn der seither vollzogene Wertewandel allzu deutlich ablesbar ist, manche Umgangsform, manches Wort nicht mehr in das Leben passt, das wir heute leben und unseren Kindern vermitteln möchten.
Für mich ist dann der Moment gekommen, wo ich die fraglichen Bücher nicht mehr in das Kinderregal stelle. In meiner Bibliothek aber bleiben sie, als historische Dokumente und auch als Erinnerung daran, wie ich und andere, manchmal ältere Generationen geprägt wurden.

Ihr merkt es schon, die Themen „Kinder machen Bücher“ und „individuelle Bilderbücher“ lassen mich noch nicht los. Ein Beitrag über individualisierte Bilderbücher, in welchen die Helden zum Beispiel die Buchstaben des Kindernamens finden und die man sehr leicht im Internet bestellen und individualisieren kann, liegt schon fast greifbar in der Luft. Seit ich angefangen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, sind mir erstaunlich viele solcher Konzepte begegnet. Leider muss ich auch sagen, dass mich bisher keines wirklich überzeugt hat, denn über die Anpassung einer Buchstabenvariation gehen sie eben doch kaum hinaus. Kann man das überhaupt erwarten? Kennt jemand unter euch einen Verlag, der tolle individualisierte Kinderbücher macht? Ich würde mich freuen, davon zu hören!
Das persönlichste Bilderbuch meiner Kindheit habe ich euch hier schon einmal vorgestellt.
Im Verlauf der Woche bin ich außerdem über einen Artikel in der ZEIT gestolpert, der mir viel Freude gemacht hat. Darin wird ein Programm des Carl Hanser Verlags beschrieben, in welchem Kinder Buchmanuskripte testlesen, kommentieren und auch Änderungsvorschläge machen dürfen. Für mich wäre das in meiner Kindheit ein Traum gewesen!
Der Artikel hat mir außerdem noch etwas anderes erneut vor Augen geführt. Beim Babybücher machen, ist der Versuch Feedback zu bekommen nur auf einen, vielleicht sogar den unwichtigeren Teil der Zielgruppe beschränkt. Reaktionen auf unsere Bücher erhalten wir fast ausschließlich von und aus der Sicht von Erwachsenen, kaum aber von Babys und Kleinkindern. Das ist schade.
Andererseits ist natürlich diese erwachsene Kritik unheimlich wertvoll für uns. So können wir uns entwickeln und lernen verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse kennen. Trotzdem bleibt diese Kritik, wie so vieles, ein Ausschnitt ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Jetzt gibt es aber noch etwas Leichteres und Herzerwärmendes zu den Themen „Kinder machen Bücher“ und „individuelle Bilderbücher“. Vielen Dank an Silvia Last von muckout, die mir noch diese Bilder aus unserer Bücherwerkstatt am Türöffner-Tag 2017 zur Verfügung gestellt hat. Sie sind so schön, dass ich sie euch auf keinen Fall vorenthalten möchte!

Noch sind die Monsterkinder in der Grafik/Layout-Abteilung in den fähigen Händen Antje Rothers, aber bald schon sollen sie sich auf den Weg in die Druckerei machen, um von dort noch rechtzeitig euren Weihnachtsbäumen und Feststuben zuzufliegen! Bis dahin gibt es jetzt auf der Homepage unter Bücher und hier im Blog einen kleinen Vorgeschmack.

Eine kurze Anekdote aus der Kunstausstellung für Kinder am 3. Oktober möchte ich euch außerdem nicht vorenthalten. Viele Kinder und Erwachsene hatten an diesem Tag Freude an den Monsterkindern, die dort alle samt Texten versammelt waren. Viele größere Kinder haben sich die Bilder angesehen und die Texte gegenseitig vorgelesen, viele Erwachsene haben sich Zeit genommen ihren kleineren Kindern vorzulesen und über das Treiben der Monsterkinder zu schmunzeln und zu lachen. Das war sehr schön zu beobachten. Das schönste Erlebnis in Bezug auf die Monsterkinder war für mich an diesem Tag aber die Begegnung mit einem Baby. Dieses Kind konnte noch nicht sprechen, es war vielleicht auch noch nicht ganz im bilderbuchinteressierten Alter und von der erhöhten Position auf Papas Arm konnte es bestimmt die Figuren der Monsterkinder gar nicht erkennen – denn diese waren auf kinderfreundlichen 100 bis 130 cm Höhe angebracht – aber es hat die Farben gesehen und es hat gelacht. Es hat gelacht und gelacht und gelacht und sich bei jedem Schritt an der Bilderreihe entlang neuerlich gekringelt und es hat immer noch gelacht, als die Eltern samt Baby die Ausstellung wieder verließen. Dieses Lachen war so schön und so ansteckend, dass alle anderen im Raum mitlachen mussten und es hat mir einmal mehr vor Augen geführt, auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen Bilder Bedeutung entwickeln und Freude schenken können.

Mehr davon! Ich freue mich auf die Vorweihnachtszeit. 😉

 

Monsterkinder

Die Monsterkinder, sind Schöpfungen der Künstlerin Niki Amann.

Die Künstlerin hat im Zuge der Recherchen zu ihrer Magisterarbeit im Fach Kunstgeschichte ein halbes Jahr in den Reservaten der Kwakiutl in Kanada gelebt. Die in dieser Zeit erlebte und beobachtete Figurenwelt und Formsprache findet bis heute Widerhall in ihrem künstlerischen und gestalterischen Arbeiten. Monster sind ein wiederkehrendes Motiv in ihren Bildern, dem sie mit den Monsterkindern ein besonderes Maß an Bewegtheit und Lebensfreude eingehaucht hat.

In strahlenden Farbfeldern mampfen, stampfen, tuscheln und kuscheln sich die Monsterkinder durch das Buch und sind dabei gleich Spiegelbildern der kleinen Monster, die gelegentlich in uns allen wohnen und die ein Teil von jedem von uns sind.

Konzeptidee und die Texte zu den Monsterkindern stammen von Nina A. Schuchardt, die sich dafür von dem Popup-Buch „Kleine Monster“ von Jan Pieńkowski inspirieren ließ und dessen Charme und Witz in das Medium Pappebuch übersetzt hat.

Monsterkinder ist ab November/Dezember 2017 lieferbar und kann über unseren Onlineshop vorbestellt werden.

ISBN 978-3-9818726-1-3

Vor einiger Zeit sprach eine Mutter mich an: Ihr Sohn habe eine Geschichte geschrieben und auch selbst illustriert. Sein Wunsch sei es nun, sie als Buch zu verlegen, weshalb er sich mittels einer schriftlichen Anfrage an einen bekannten Verlag gewendet habe. Leider habe ihr Sohn aber nicht einmal eine Antwort erhalten, was ihn natürlich traurig macht und ob er nicht einmal bei mir anfragen könnte.
Das hat mich nachdenklich gestimmt. Nein, habe ich gesagt, er braucht mich nicht fragen, ob ich sein Buch verlege, denn es sei eigentlich klar, dass es nicht in das Profil der Eichhörnchenverlags passen würde, ABER er darf natürlich einfach mal vorbeikommen und dann reden wir einmal darüber, was für Möglichkeiten es gibt, Bücher zu machen und zu verlegen. Es gibt nämlich viele Wege, zum eigenen Buch!
Gleichzeitig hat mich das ziemlich nachdenklich und auch etwas traurig gestimmt. Ich weiß, wie wichtig, wie schön das Erfinden, Schreiben, Illustrieren eigener Geschichten für Kinder ist. Wie besonders die ganz eigenen Bücher sind! Die selbstgestalteten und auch die für einen gestalteten! Eines der Pappebücher, die meine Mama für mich gemacht hat, habe ich euch hier schon einmal vorgestellt. In meinem Regal findet sich auch ein alter Hefter mit Geschichten, Gedichten und Träumen, die ich zu Grundschulzeiten mit zweien meiner Freundinnen gesammelt und erdacht habe und irgendwo liegt noch ein Heft, mit einem begonnen Theaterstück und eine Mappe mit Bühnenbildern…
Ich habe zwar nie mit dem Gedanken gespielt, mir tatsächlich einen Verlag zu suchen, aber ich finde, eigentlich sollte jedes Kind die Möglichkeit haben, seinen Geschichten genau die Form zu geben, die ihm richtig erscheint. Dieser Wunsch scheint mit so schön und wertvoll zu sein, dass er auch WICHTIG ist.

Der Türöffner-Tag mit Muckout in der Papierfabrik ist ein Schritt in dieser Richtung, angetrieben mit Geschichtenkraft (kennt hier eigentlich noch jemand Mimmelitt?). Ein Tag, den wir dem Wissen widmen, dass jedes Kind voller unschätzbarer Bilder und Worte steckt und manch eines diese auch rauslassen und zeigen möchte.
Darum basteln wir am 3. Oktober mit euch Bücher. Darum machen wir die Ausstellung, in welcher ihr sehen könnt, auf welchen Wegen Bücher entstehen können. Darum zeigen wir euch, wie Papier entsteht, dass so gern eure Geschichten trägt.
Wir freuen uns auf euch!

Am 16. September erscheint unser erstes Buch und das wird gefeiert!

Kunst und Kinder, das gehört zusammen! Nicht nur in Büchern, sondern auch in Form von Kunstausstellungen.
Im Rahmen des alljährlich in Kyritz stattfindenden Markt der regionalen Möglichkeiten eröffne ich am 16. September gegen 10:30 Uhr in der Buchhandlung Steffen GmbH am Marktplatz in Kyritz eine kleine Kunstaustellung für Kinder mit den wunderschönen Originalbildern von Susanne Haun aus unserem Bilderbuch „Landtiere“.

Wir freuen uns auf viele kleine und große, geschichten- und bilderdurstige Besucher! Es wird bunt und ich freue mich riesig darauf, euch endlich alle Bilder, die darauf abgebildeten Tiere und ihre Geschichten ganz genau vorzustellen! Die Ausstellung wird vom 16. September bis 30. September in der Buchhandlung zu sehen sein und natürlich könnt ihr dort dann auch das Buch erwerben oder ihr geht auf unseren Onlineshop.

Markt der regionalen Möglichkeiten 2017, Plakat (c) kiri.li.

Der Markt der regionalen Möglichkeiten hat im Übrigen auch noch so manch andere spannende Sache zu bieten! Mit dabei sind zum Beispiel muckout, mit denen wir am 3. Oktober Bücher basteln werden und die Wandelwoche sowie zahlreiche lokal, nachhaltig und ressourcenschonend produzierende Unternehmen und Unternehmungen, Performancekünstler, Gesprächsrunden mit Vertretern aus der Politik, Livemusik und und und…
Kommt einfach unbedingt vorbei!

 

Außerdem freue ich mich wirklich unheimlich, euch sagen zu können, dass der WDR uns in das offizielle Programm des Türöffner-Tags der Sendung mit der Maus aufgenommen hat!


Auch hier gilt: Kommt einfach unbedingt vorbei. Wir freuen uns auf euch!

Unter meinen persönlichen Lieblingsbüchern findet sich ein ganz besonderes Bilderbuch. Meine Mama hat es für mich gemacht, als ich noch ein Kind war. An der Seite mit den Elefanten und dem Krokodil war ich wohl auch selbst beteiligt. Vielleicht war ich es auch, die die Schäferhunde ausgesucht hat? Ich habe keine klare Erinnerung mehr daran.
Es handelt sich eigentlich weniger um ein Bilderbuch, als um ein Leporello (od. Faltbuch). Die einzelnen Glieder bestehen aus je zwei dünnen, aneinander geklebten Pappen, welche mit, zuvor mit Kleber bestrichenen, Textilbändern verbunden sind. Dadurch sind die einzelnen Glieder sehr fest, bleiben aber hervorragend faltbar. Die einzelnen Seiten wurden zuletzt mit Collagen aus Magazinausschnitten beklebt.

Dieses Bilderbuch kommt (fast) ganz ohne Text aus. Auf acht Seiten zeigt es acht wunderschöne Bilder. Jedes für sich eine ganz eigene Welt, jedes eine eigene Erzählung. Ich liebe es sehr!
Durch seine Auffaltbarkeit und seine an einen Hausgiebel erinnernde Form eignet es sich auch sehr gut als Kulisse bei einem Spiel mit kleinen Puppen oder Figuren. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mich allerdings nicht erinnern, ob ich es wirklich jemals als solche benutzt habe. Vielleicht spielt mein Gedächtnis mir auch eine spätere Imagination als vermeintliche Erinnerung vor.

Überhaupt sind Erfreuen, Vergessen, Erinnern und Imaginieren bei diesem Buch zu einem wiederkehrenden Kreislauf geworden. Auch das macht heute seinen Zauber für mich aus. Immer wieder habe ich Phasen in meinem Leben, in welchen dieses besondere Buch für mich sehr präsent wird. Als identitätskriselnder Teenager hatte ich solch eine Phase und auch als junge Erwachsene, als ich nach Berlin zog. Damals bekam ich viele Kisten mit meinen alten Sachen (insb. Bücher 😉 ) mit auf den Weg, die nicht mehr auf dem mütterlichen Dachboden verbleiben sollten. Danach kam es wieder, als meine Tochter geboren wurde und nun mit der Gründung des Eichhörnchenverlags.
Das repetitive Auftauchen dieses Buches scheint in der Reflexion wie ein sehr langsamer aber steter Pulsschlag in meinem bisherigen Leben. Es ist eines jener Lieblingsbücher, die wirklich bleiben.

Als Praktikantin im Eichhörnchenverlag hat Katharina Schulze derzeit Einblick in all unsere laufenden und in Planung befindlichen Projekte und Aufgaben. Dabei ist sie – ohne das hier zu viel verraten werden soll! – auch auf Monster gestoßen und hat sie zum Anlass genommen, folgenden hochspannenden Text zu schreiben. Viel Spaß!

 

 

von Katharina Schulze

 

Monster haben Hochkonjunktur, sowohl in der Literatur für Erwachsene als auch in der Jugend- und Kinderliteratur. Bereits in älteren Klassikern wie „Peter Pan“ oder „Alice im Wunderland“ begegnen uns allerhand zauberhafte Gestalten.

Ungefähr seit den 1960-er Jahren haben sich Monsterdarstellungen gewandelt und Einzug in die Kinderliteratur gehalten. Sie sind nicht mehr alleinig Platzhalter für Ängste, sondern agieren als freundliche Gestalten, die gar nicht so monströs sind. Was aber ist eigentlich ein Monster und wieso sind Monster und andere Phantasiegestalten in der Kinderliteratur so wichtig?

Die Definition eines Monsters ist nicht leicht und unterliegt stets einem gesellschaftlichen und historischen Wandel. Es stellt eine Abweichung der Norm dar und ist damit je nach gesellschaftlicher oder sozialer Gruppe unterschiedlich und verhandelbar. Was als Monster gekennzeichnet ist, macht somit auch immer deutlich, was als normal angesehen wird. Dass Monster gruselig sein müssen ist keine feststehende Größe. Im Mittelalter waren Monster durch ihre Andersartigkeit definiert, nicht dadurch, dass sie gruselig oder gefährlich waren. Auch wie ein Monster wahrgenommen und bewertet wird, hat sich immer wieder verändert und ist so vielfältig wie seine Erscheinungsformen. Es kann als Verbund mit dem Teufel, von Gott berührt, oder als Zeichenbringer gedeutet werden. Gerade außerhalb Europas wurden Monster als Mischwesen auch als besonders eng verbunden mit der anderen Welt angesehen. In der Literatur des  19. und 20. Jahrhunderts können Gestalten wie „Frankensteins Monster“ Kritik am menschlichen Größenwahn symbolisieren.
Auch in Kinderbüchern wird erforscht, was ein Monster ausmacht und wie es aussieht. Das Buch „Prima, Monster!“ geht zum Beispiel dieser Frage nach. Eben weil ihre Erscheinung so wenig festgelegt ist und viel Raum für Gestaltung lässt, eignen sich Monster optimal für Darstellungen in Kinderbüchern. Durch die Vielfalt der Formen und Farben sind sie bereits für die Kleinsten gut erfahrbar.

Wie bei Horrorfilmen ist die leichte Angst beim Lesen und Betrachten eines Buches über Monster Teil des Spaßes. Hier wird auch von thrill oder Angstlust gesprochen. Egal ob das Monster nun tatsächlich böse ist oder nicht, der Angst wird auf den Grund gegangen, ihr begegnet und ein Weg gefunden mit ihr umzugehen oder sie zu besiegen. Reale Ängste werden wahrgenommen. Sie existieren, müssen einen aber nicht hindern, sondern können einen weiterbringen. Auch werden diffuse Ängste durch den Körper des Monsters sichtbar, bekommen eine Begrenzung und sind so leichter zu betrachten. Ebenso kann es sein, dass man hinter die Fassade seiner Angst blickt, diese hinterfragt und dabei feststellt, dass das vermeintliche Monster gar keines ist. In „Der Raggeahase Boooo und die rosa Monsterkrabbe“ haben alle Tiere im Wald Angst vor der rosa Monsterkrabbe, die auf dem Weg in ihren Wald ist, ohne sie zu kennen. Reggaehase Boooo macht sich also auf den Weg, um die Krabbe kennenzulernen und stellt fest, dass diese überhaupt nicht böse und gefährlich ist.

Auswahl „Monsterbücher“ aus der Verlagsbibliothek. Zeichnung „Faunus“ (c) von Maike Schuchardt.

Eine weitere wichtige Rolle von Monstern in der Literatur ist, dass sie eine andere Welt, ein anderes Aussehen, eine andere Realität bieten und somit Ausdruck von Sehnsüchten sind und die Phantasie unterstützen. Unliebsame Regeln und Erfahrungen wie ins Bett gehen, waschen, über den Kopf entscheiden gelten für Monster nicht. Sie erscheinen oft wild und unbeherrscht, wobei die Gradwanderung zwischen Wildheit und Gefahr einen Teil der Spannung ausmacht. In vielen Geschichten finden sich durchaus bekannte Anknüpfungspunkte an die Lebensrealität von Kindern. Sie sind dann aber in der Welt der Monster umgekehrt und weisen andere Details auf. In „Die Schule der kleinen Vampire“ gehen die Vampirkinder jeden Tag in die Schule, um zu richtigen Blutsaugern zu werden. Allerdings startet die Schule erst im Alter von 60 bis 70 Jahren. Und obwohl es in „Die kleine Hexe feiert Weihnachten“ ein ziemlich traditionelles Fest mit Keksen und Weihnachtsbaum gibt, sind die Gäste doch anders als gewöhnlich. Sie kommen nämlich in Form von Geier-, Bärenhexe und gar Weihnachtshexe daher. Geschichten, in denen sich die Kinder selbst in Monster verwandeln, gehen noch einen Schritt weiter, denn hier erleben die Kinder die Abenteuer nicht als Zuschauer, Gäste oder in der Konfrontation mit dem Monster, sondern durchleben sie selbst. Ein klassisches Beispiel für solch eine Verwandlung ist „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Durch das Aufzeigen anderer Realitäten stellen die Monster und ihre Lebensorte zudem auch bestehende Systeme in Frage. Regeln und Machtverhältnisse können völlig verändert oder umgekehrt erscheinen und machen so deutlich, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

 

Liste der erwähnten Bücher:

Barrie, James Matthew: Peter und Wendy, Illustratorin: Attwell, Mabel Lucie 1911, 1921.

Carroll, Lewis: Alice im Wunderland, Illustrator: Tenniel, John, 1865.

Shelley, Mary: Frankenstein, 1818 erstmals anonym.

Heitz, Markus: Prima, Monster!, Illustratorin: Tourlonias, Joelle, Baumhaus Verlag 2012.

Strohschneider, Jens: Der Reggaehase Boooo und die rosa Monsterkrabbe, Illustrator: Rusinek, Lukasz, Verlag Volandt und Quist 2013.

Niebisch, Jackie: Die Schule der kleinen Vampire. Die Prüfung, Ravensburger Buchverlag 1998.

Baeten, Lieve: Die kleine Hexe feiert Weihnachten, Illustratorin: Baeten, Lieve, Oetinger Verlag 1996.

Sendak, Maurice: Wo die wilden Kerle wohnen, Illustrator: Sendak, Maurice, Harper and Row 1963.

 

Sekundärliteratur:

Tollkötter, Anna: „Kinder brauchen Monster“. Lustvolles Gruseln im Bilderbuch, 2012. Online im Internet: URL: http://www.deutschlandfunk.de/kinder-brauchen-monster.1202.de.html?dram:article_id=228152

Hoydis, Julia: Horror- und Gruselliteratur: Unheimlicher Nervenkitzel. Online im Internet: URL: http://www.boysandbooks.de/fileadmin/templates/images/PDF/Erzaehlmuster_Horror_und_Gruselliteratur.pdf

Dettmar, Ute: Angst: Lust und Schrecken in der Kinder- und Jugendliteratur. Online im Internet: URL: http://www.kids-media.uzh.ch/dam/jcr:00000000-7a61-1c98-ffff-ffffa6e183a9/dettmardefinitiv.pdf

Die Verlagsbibliothek hat einen Neuzugang.
little big books ist ein wunderschönes Buch zum wieder und immer wieder in die Hand nehmen. Mit einem Vorwort, das dem Eichhörnchenverlag an einigen Stellen aus dem Herzen spricht und viele Facetten des Themas Kinderbücher anspricht.

 
„As one of the first storytelling media we encounter, picture books help us to comprehend the world around us and to decipher pictoral representations of its many denizens. With a minimum of text and matching images, they draw us into a parallel realm – and give us the tools to make sense of the one we are in.“ little big books. illustrations for children’s books, 2014, S. 3.

 
Im weiteren Verlauf des Buches gibt es fünf Interviews mit verschiedenen Akteuren der Branche und vor allem eine beeindruckende und augenerfreuende Versammlung wichtiger Illustrator*innen und Kinderbücher. Alle Illustrator*innen werden mit biografischen Hintergrundinformationen kurz vorgestellt, was spannende Einblicke in ihr Werden und ihre Motivation gewährt. Interessant ist außerdem, dass bei allen vorgestellten Kinderbüchern auch steht, wo und in welcher Sprache sie zuerst erschienen. Das auffällige aber doch relativ verwunderliche Phänomen, dass Kinderbücher von Land zu Land sehr unterschiedlichen Gestaltungsmustern folgen und manch eine Geschichte, manch eine Ästhetik im Nachbarland keinen Absatz findet, obwohl sie im Ursprungsland ein Hit ist, begegnet uns derzeit auch in verschieden Gesprächen des öfteren.
Jetzt wird zwecks Augenschmaus und Weiterbildung der Laptop zu- und das Buch aufgeklappt. Wir wünschen unseren Leser*innen ein inspirierendes Wochenende!

 

little big books. illustrations for children’s picture books

Hendrik Hellige (Herausgeber) und Robert Klanten (Herausgeber)

Gestalten

Berlin 2014

240 Seiten

Ich hatte es in der letzten Woche schon  angedeutet und freue mich nun um so mehr, euch mitteilen zu können, dass die Landtiere nicht nur ihren Autor, sondern auch die zu ihnen passenden Worte gefunden haben!
Gerd Knappe hat sich der Aufgabe angenommen und sie so formschön, klar und Freude machend gelöst, wie man es sich überhaupt nur wünschen kann!
Ungewöhnlich, aber konsequent habe ich seine Herangehensweise zuvor genannt und das ist treffend, denn Gerd Knappe hat sich Susanne Hauns Bilder nicht angesehen, bevor er schrieb. Keine Illustrationen sollten seine Worte werden, sondern für sich stehen und damit hat er genau in den Kern des Eichhörnchenverlags getroffen, der das für sich stehende und immer auch ohne Begleitung und Erläuterung erzählende Werk (in Bild und Wort) zu einem seiner zentralen Interessen gemacht hat.
Gerd Knappe schreibt unter anderem Lyrik und Dramatik für Kinder und Jugendliche und ist für seine Arbeit mehrmals ausgezeichnet worden. Sein Blick ist  immer klar und aufmerksam. Seine Sprache ist präzise und schnörkellos, manchmal onomatopoetisch, rhythmisch und immer treffend. Ein Bild folgt auf das andere: sehen, zulassen, beschreiben ohne zu werten; erzählen ohne zu verurteilen.
Manchmal fällt sein Blick auf die Wunden, auf den Schmerz. Dann sind die Worte hart und schwer auszuhalten aber immer sind sie gut.
Die Sprache, die er für die Landtiere gefunden hat, ist perfekt! Eine erste Kostprobe könnt ihr hier nun lesen.

Es folgt:
KUH
von Gerd Knappe für Landtiere

 

Tag für Tag stellt der Bauernjunge am Morgen seine nackten Füße in die warmen Kuhfladen der Kühe, die er hütet, damit sie nicht frieren.

Kuh. (c) Collage von Susanne Haun

Auf dem Gras grast sie
Im Stall futtert sie
Wasser trinkt sie
Milch gibt sie
Liter um Liter
Kuh für Kuh

Kuh und Fliege (c) Collage von Susanne Haun

Macht nicht meck
Wie eine Ziege
Bellt nicht wie ein Hund
Rennt nicht weg
Wie ein Pferd
Kräht nicht wie ein Hahn
Macht muh
Wie eine Kuh
Und als Kälbchen
Macht es schleck …