Idas vielgestaltige Wege – Victoria Hohmanns Vision von İDA’NIN YOLU / IDAS WEG

Idas vielgestaltige Wege – Victoria Hohmanns Vision von İDA’NIN YOLU / IDAS WEG

İDA’NIN YOLU / IDAS WEG von Fulya Gezer ist eine leichte, spielerisch-philosophische Geschichte auf Türkisch und Deutsch, die dazu ermuntert, sich selbst zu vertrauen. Es ist außerdem ein Mitmachbuch, das auf allen Seiten viel Platz lässt, um selbst kreativ zu werden. Es darf nach Herzenslust gezeichnet, gemalt und geklebt, Idas Weg weiter gestaltet und den eigenen Ideen und Wünschen nachgespürt werden!

Der Eichhörnchenverlag hat einige Künstler*innen gebeten, Ihre persönliche Vision von Idas Weg zu gestalten. Die Ergebnisse stellen wir euch in der Serie „Idas vielgestaltige Wege“ vor.

Victoria Hohmann mit ihrem Exemplar des Bilderbuchs İDA’NIN YOLU / IDAS WEG von Fuly Gezer. Foto: (c) Victoria Hohmann.

Text-based Art. So nennt Victoria Hohmann selbst ihre Kunst. Frei bedient sie sich bei verschiedensten Sprachen in Wort und Bild, nimmt Elemente von konkreter Poesie bis abstrakter Malerei und formt daraus Bilder – Wort-Bild-Collagen -, die formell einfach konstruiert scheinen, dabei aber inhaltlich weit in die Tiefe fassen. Jedes Teil sitzt. Jedes Teil bedeutet.

Ein wichtiges Gestaltungsmittel ist für Victoria Hohmann ihre Schreibmaschine, mit der sie Buchstaben und ganze Wort frei auf der Fläche des Blattes verteilt. Gleichfalls wichtig ist ihr die Wahl des Materials, oft des Papiers, auf welchem sie arbeitet. Sie selbst sagt in einem ihrer YouTube-Videos, dieses Sammeln verschiedener Papiere könnte man auch als Horten bezeichnen. Zu den Themen, die sie bisher künstlerisch umgesetzt hat, gehören Fragen zu Identität, Umweltpolitik, Tagespolitik und Gesellschaftskritik. Manches von alledem findet sich auch in ihrer Version von İDA’NIN YOLU / IDAS WEG.

Nicht vorenthalten wollen wir euch, dass Victoria Hohmann neben ihrer Tätigkeit als freie Künstlerin auch Autorin und Verlegerin ist. Ihr VHV-Verlag gehört zu unseren absoluten Lieblingsverlagen.

Es ist uns eine große Freude, dass Victoria Hohmann sich auf die Bitte eingelassen hat, unser Mitbachbilderbuch İDA’NIN YOLU / IDAS WEG von Fulya Gezer in ihrer besonderen Sprache zu interpretieren. Das Ergebnis könnt ihr im Folgenden bestaunen!

Idas Geschichte beginnt mit einer Walnuss und so setzt auch die Künstlerin ihre Gestaltung auf Seite 1 bei der Walnuss an. Das türkische Wort „ceviz“ (Walnuss) setzt sie per Schreibmaschine auf ein braunes Stück (Pack-)Papier, das sie in die Form einer Nuss reißt. Mit dem Bleistift kommen noch einige Linien hinzu, die an die Struktur der Schale erinnern. Das Wort wird ins Bild gesetzt.

Mit dem deutschen Wort Walnuss beginnt sie ein lautmalerisches Spiel. Die „wahlnuss“ entsteht, die Idas Entscheidung zum Aufbruch in die Geschichte markiert. Zwei weitere neue Worte finden sich im Bild. Das Wort „ööööde“, dass das „ö“ so sehr dehnt, dass man die Zähigkeit des Zeitflusses förmlich spüren kann und das die alltägliche Langeweile Idas markiert sowie das Wort „peanuts“. Der Anglizismus „peanuts“ meint Kleinigkeiten von geringer Bedeutung. Wenn man der üblichen Leserichtung von oben nach unten folgt, entpuppt sich diese „peanut“, die auf die anfängliche „ööööde“ folgt, aber dann doch als gar nicht ganz so unbedeutende „wahlnuss“. 😉

Beachtenswert ist auch das weiße Papier mit den schwarzen Farbspuren, aus welchem Victoria Hohmann neue Stämme für Idas Wald collagiert hat. Ich frage mich, ob die schwarze Farbe wohl mittels Frottage auf das Papier gelangt ist und wenn ja, ob die Struktur einer Baumrinde durchgerieben wurde.

Im Bild auf Seite 2 scheint zunächst gar nicht so viel verändert, aber dann offenbart sich doch ein Rufen. Wer ruft dort nach Ida? Ist es der Wald? Die Freiheit? Das Abenteuer? Ich fühle mich an den Chor in der griechischen Tragödie erinnert…

Auf der folgenden Seite verzichten die Ergänzungen auf Wortelemente. Dafür tauchen wiederum neue Bäume auf. Dieses Mal werden die Baumkronen von einem geometrischen Muster geformt.

Geometrische Muster sind ein übliches Gestaltungsmittel der islamischen Kunst, in welcher vielerorts figürliche Darstellungen vermieden werden. Dies gilt insbesondere für Darstellungen Allahs und Mohammeds. In diesem Zusammenhang hat sich in der islamischen Kunst eine Vielfalt faszinierender mathematisch komplexer geometrischer Ornamente entwickelt. Ob es sich bei dem hier verwendeten Musterausschnitt tatsächlich um ein im Kontext islamischer Kunst entstandenes Ornament handelt, kann ich zwar nicht beurteilen, ich denke aber, ohne Zweifel steht es hier als Hinweis auf die islamischen Anteile türkischer Kultur.

Teile eines Baumstammes auf Seite 3 werden von Ausschnitten einer Fotografie unserer Erde gebildet. Das Blau des Planeten vor dem tiefen Schwarz des Alls korrespondiert mit den Farben im Bild auf Seite 4, wo ein blauer (erdgebundener) Baum sich vor dem schwarzen Nachthimmel abhebt. Ein gelungenes Farbspiel, das außerdem an einige andere Arbeiten Victoria Hohmanns erinnert, in welchen sie sich damit auseinandersetzt, wie wir mit unserer Umwelt und unserem Planeten umgehen. Auch in diesen Arbeiten greift sie auf ganz unterschiedliche Weise auf Darstellungen von Bäumen und des Planeten Erde zurück. Ganz aktuell kann man auf Instagram beobachten, wie sie unter dem Titel „Spuren intelligenten Lebens“ mit dem Material Erde arbeitet. (Follow-Empfehlung!)

Auf den Seiten 5 und 6 bedient sich die Künstlerin wiederum an den vorgefundenen Farben (vornehmlich schwarz und rot) und setzt diese auch in ihren Ergänzungen um. Dieses Vorgehen, lässt sich von hier an auf allen folgenden Seiten deutlich beobachten. Auch die geometrischen Muster von den Vorgängerseiten kommen in loser Streuung noch einmal vor. Dieses kleine referenzielle Intermezzo läuft sich hier allerdings aus. Das Wort „orman“ (Wald) wird hervorgehoben und der endlich vollzogene Beginn der Reise wird mit dem Wort „unterwegs“ markiert, dass ebenfalls dem Text entnommen ist.

Auf der Seite 5 beginnt Victoria Hohmann mittels ihrer ergänzten Textfragmente auch eine neue Erzählebene einzuflechten, die ich als eine Darstellung der mentalen Prozesse Idas interpretiere. Hier lese ich ein langes „ooooh“, dass mir ein Ausdruck von Staunen und Wundern zu sein scheint. Auf Seite 7, wo Ida vor eine Wahl gestellt wird, mäandert das Wort „oder“. Auf Seite 11 werden „idas ideen“ als Teil ihres Weges ins Bild gesetzt.

Meine persönlichen absoluten Lieblingsseiten in Victoria Hohmanns Version von İDA’NIN YOLU / IDAS WEG sind aber die Seiten 13/14. Gar nicht unbedingt wegen des wunderbaren Eichhörnchens, was ich natürlich als herzlichen Gruß an den Eichhörnchenverlag verstehe (Vielen Dank dafür! 🙂 ), sondern weil hier nun wirklich ganz viel Leben drin steckt. Alles ist irgendwie ein wenig aufgeregt, alles kommuniziert. Plötzlich ist es les- und auch fühlbar, dass sich der Konflikt der Geschichte aufgelöst hat und Erleichterung Platz findet. Der Chor der griechischen Tragödie ist wieder da und ruft oder seufzt ein erleichtertes oder überrascht willkommen heißendes „ooooooh ida“. Der Weg, den die Künstlerin auch als „ausweg“ und „raus[-]weg“ bezeichnet und der in der Geschichte ja auch nur deshalb ein guter Weg für Ida wird, weil sie es schafft ihn neu und ganz eigen zu denken, bricht auch in den Ergänzungen mit allen Vorgaben, indem er erst aus der Lineatur des Papiers und dann sogar ganz von dem Notizpapier ausbricht. Idas Weg, der ein vielstimmiges Eigenleben erhalten hat, flüstert „goldrichtig“ und mir scheint das weniger einige Ermunterung für Ida zu sein, sondern vielmehr für uns Betrachter*innen die Benennung einer Tatsache, die Ida längst schon im Gesicht steht und die dann auch in der Materialwahl für den Baum am rechten Bildrand auf Seite 14 visuell umgesetzt ist. Für mich ist das der eigentliche Höhepunkt der Geschichte, die Auflösung des Dramas. Die folgende Einkehr im „Idyll“ auf den Seiten 15/16 ist fast schon nur noch Epilog, aber auch hier lohnt es noch einmal genau hinzuschauen.

Der Wunsch-Ort, den Victoria Hohmann für Ida entwirft ist gefüllt mit den schönen Begriffen „träume“, „liebe“ und „happy“ und damit als freundlicher und angenehmer Ort gekennzeichnet, aber er ist – und das finde ich spannend – auch ein Ort, der immer noch dynamisch ist. Ein Wind scheint durch das Bild zu wehen und an mehreren Stellen finden sich „ideen“ bzw. „i mag ination“. Es ist ein Ort der andauernden Entwicklung, in dem geforscht, gespielt und ausprobiert werden kann. Passend dazu wiederholt sich auf Seite 15 immer wieder die Silbe „da“ und assoziiert dabei nicht nur das da(sein), also angekommen sein, sondern auch die ständig dekonstruierende, dabei ja aber auch stetig erneuernd-schöpferische Kunstform Dada(ismus).

Zuletzt sei noch auf den Mund hingewiesen, denn er ist ein Beispiel jener Methode, die Victoria Hohmann innerhalb ihrer Text-based Art als Schreibmaschinenmalerei bezeichnet. Eine spannende Form, die mich an die eingangs erwähnte konkrete Poesie, aber auch an Disegno als Theorie über die Zeichnung als unmittelbaren Ausdruck des Geistes über die Hand denken lässt.

Mehr Schreibmaschinenmalerei und überhaupt Kunst von Victoria Hohmann gibt es hier:

Auf ihrer Website: victoriart.de

Auf YouTube

Auf Instagram

Mehr über Victoria Hohmanns Verlag gibt es unter: vhv-verlag.de

Liebe Victoria, vielen Dank für diese Einblicke in deine Interpretation von İDA’NIN YOLU / IDAS WEG, die soviel Anlass zum Staunen, Wundern und Nachdenken gibt! Wir wünschen dir noch viel Freude an deinem einzigartigen Bilderbuch!

Das Mitmachbilderbuch İDA’NIN YOLU / IDAS WEG von Fulya Gezer gibt es selbstverständlich auch zu kaufen! Hier im Verlagsshop (siehe unten) oder in der Buchhandlung eures Vertrauens. Es ist das perfekte Bilderbuch für alle, die schöne und leicht-philosophische Geschichten und Bilder lieben und die Lust haben selbst zu gestalten sowie für alle, die etwas Abwechslung vom Corona-Blues gut vertragen können.

Wir wünschen euch allen und euren lieben, dass ihr wohlauf seid. Passt auf euch auf!

Der Eichhörnchenverlag jubiliert, denn seit Kurzem haben wir neue Verstärkung im Team. Die Kunsthistorikerin Meike Lander unterstützt uns in dieser arbeitsreichen Zeit neben ihrem Masterstudium der Kunstgeschichte im globalen Kontext an der FU Berlin als Praktikantin.

Ihren Einstand feiert sie mit einem Unternehmungslust schürenden Bericht von der Friends with Books – Art Book Fair im Hamburger Bahnhof am vergangenen Wochenende.

Liebe Meike, vielen Dank dafür, dass du uns Augen und Ohren geliehen hast und uns nun noch einmal auf die Messe mitnimmst! Dein Hinweis, dass Kunst in Kinderbüchern auf der Messe noch einen Platz hätte, nehmen wir uns sehr zu Herzen! Kommst du dann mit, auf die andere Seite des Standes?!

 

Friends with Books – Art Books Fair im Hamburger Bahnhof

von Meike Lander

 

Vom 19.10. bis zum 21.10.2018 war es wieder so weit: Im Rahmen der Art Book Fair Berlin bezog eine Vielzahl von Ausstellern den Hamburger Bahnhof (Museum für Gegenwart – Berlin) und bot in mehreren Räumen nicht nur alles rund um das zeitgenössische Kunstbuch, sondern auch Diskussionen, Lesungen, Präsentationen, Ausstellungen und Workshops an. Und ich war zum ersten Mal mit von der Partie.

Wer ebenso unwissend ist, wie ich es noch vor wenigen Tagen war, den kläre ich gern mit dem auf, was ich inzwischen gelernt habe: Friends with Books: Art Book Fair Berlin ist eine Messe für Kunst- und Künstlerbücher, die seit 2014 jedes Jahr aufs Neue im Hamburger Bahnhof stattfindet. Auch dieses Jahr waren wieder über 200 international tätige Künstler und Verleger präsent, um Interessierten ihre Verlagsprogramme und Bücher zu präsentieren. Ursprünglich gegründet wurde Friends with Books vor vier Jahren als gemeinnütziges Projekt, um zeitgenössische Künstlerbücher einem größeren Publikum vertraut zu machen. Das bedeutet auch, dass man als Besucher*in keinen Eintritt bezahlen muss und vom Museumspersonal freundlich, aber bestimmt in die entsprechende Halle gelotst wird. Das freut vor allem den studentischen Geldbeutel, in dem ja grundsätzlich hauptsächlich Luft zu finden ist.

Auch der Besuch des öffentlichen Rahmenprogramms ist kostenlos und könnte kaum farbenfroher ausfallen. Von der Gelegenheit, mit Künstlern über ihre neuesten Veröffentlichungen zu diskutieren, über Workshops zur eigenen kreativen Auseinandersetzung mit dem Medium Buch ist alles dabei.

Als ich am Samstagvormittag den Hamburger Bahnhof betrete, bin ich ganz gespannt darauf, was ich wohl gleich zu sehen bekomme. So ganz habe ich noch keine Vorstellung davon, was denn ein Kunst- oder Künstlerbuch von einem Buch über Künstler und Kunst unterscheiden soll und ich bin gespannt darauf zu sehen, was die verschiedenen Verlage präsentieren.

 

Gut besucht. Impression von der „Friends with Books – Art Books Fair“ im Hamburger Bahnhof 2018. Foto (c) Meike Lander.

Das Erste, was ich feststelle: Die Messe ist gut besucht. Selbst an einem Samstag vor 12 Uhr drängeln sich die Leute interessiert an den Tischen vorbei und begutachten die Auslage. Den Rucksack hätte ich besser an der Garderobe abgegeben, denn die Räume sind so vollgestopft mit Menschen und Tischen, dass es sehr schnell ein wenig eng wird. Neben den beiden Räumen, in denen die Verlagsstände sich befinden, gibt es einen kleinen Ausstellungsraum, einen Raum mit einer Malstation für Kinder und Sitzsäcken zum Schmökern der eben eingekauften Schätze, einen Vortragsraum samt Leinwand für Präsentationen sowie einen Raum mit der Möglichkeit, etwas zu essen und zu trinken. Das ist dann doch sehr viel größer als ich angenommen hatte.

 

Charmante Standgestaltung von berlinartbooks. Impression von der „Friends with Books – Art Books Fair“ im Hamburger Bahnhof 2018. Foto (c) Meike Lander.

Neugierig darauf zu lernen, was es mit der Beziehung zwischen Künstler und Buch wohl auf sich hat, besuche ich einen Talk mit dem Künstler Florian Dombois und dem stellvertretenden Direktor der Kunstbibliothek um 14 Uhr. Auch wenn ich mit den Arbeiten des Künstlers nicht vertraut bin, so wirft das Gespräch doch einige interessante Fragen auf. Wie wird ein Buch selbst zum Kunstwerk und enthält nicht einfach nur Kunst in Form von Bildern oder Texten? Oder reicht es bereits, wenn Künstler den Inhalt eines Buches konzipieren, damit man das Ganze als Kunstwerk anerkennt?

Für Dombois müssen sich Linien des Denkens in dem Werk abzeichnen. Ein Künstlerbuch, das ist für ihn der Ausdruck einer künstlerischen Idee, die zwingend eine Buchform erfordert und die sich in keiner anderen Form ausdrücken ließe. Ein Buch hat zudem als Medium bereits eine spezifische Form, die man nicht einfach negieren kann. Man kann sie mutwillig brechen – beispielsweise indem man Impressum und Inhaltsverzeichnis weglässt oder anders umsetzt, Seitenzahlen verdreht oder mit dem Format spielt – aber man muss sie dennoch im Kopf behalten, wenn man die Arbeit an einem Künstlerbuch beginnt.

Auch wenn man erwarten könnte, dass beim Entstehungsprozess eines solchen Künstlerbuches die Entscheidungsgewalt dann zwingend bei dem/der Künstler*in allein liegt und diese*r über jeden Schritt mit Argusaugen wacht und bestimmen kann, so gilt doch festzustellen, dass Künstlerbücher oftmals trotz allem Gruppenprojekte sind. Für Dombois ist es gerade das Miteinander dieser Gruppenarbeit, das spannend ist. Hier nimmt er als Künstler unterschiedliche Rollen ein, diskutiert mit Setzer*innen, Lektor*innen, Grafiker*innen und Verleger*innen, die allesamt an dem Projekt beteiligt sind. Das Problem ist jedoch, dass der Kunstmarkt bekannte Namen favorisiert, d.h. Gruppenprojekte werden unter dem Namen des bekanntesten Mitgliedes (bei Künstlerbüchern eben oftmals der des/der Künstler*in und nicht die Namen der Grafiker*innen oder der Verleger*innen) vermarktet. Einige Künstlerbücher umgehen dies, indem sie sich sogleich als Galerieprojekt vermarkten, um den Gemeinschaftscharakter zu betonen und zu zeigen, dass ein sozialer Raum künstlerischen Ausdrucks hinter dem vermarkteten Namen steht.

Dombois erzählt, dass er besonders schätzt, dass Bücher offene Räume ermöglichen können, sei es, dass sie diese in sich selbst bieten oder sie in Textpassagen beschreiben. Und auch, wenn Künstlerbücher oftmals ein eher kleineres Publikum ansprechen, so haben sie doch eine verhältnismäßig große Reichweite, was das Vermitteln von Ideen angeht, denn sie können verliehen und weitergegeben werden und so ihren Inhalt einer Vielzahl von Interessierten zugänglich machen.

 

Vielfältige Auslage beim Merve Verlag Berlin. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Was mich neben der schieren Vielfalt an ausgestellten Büchern und Programmpunkten besonders begeistert, ist, wie unterschiedlich der Zugang zu dem Schnittpunkt von Kunst und Buch doch ausfallen kann. Es gab Verlage, die Bücher über bereits etablierte Künstler*innen und ihre Theorien verlegten – solche, die ihre Bücher als Kunstwerke begriffen, die von Künstler*innen oder Künstlergruppen gestaltet wurden – solche, die mit ihren Veröffentlichungen dazu beizutragen hoffen, junge und noch nicht etablierte Künstler*innen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und sogar Aussteller, die das Buch wortwörtlich als Kunstwerk begriffen und es als Ausgangsmaterial für ihre Werke nutzten. Zudem war erfreulich, wie entgegenkommend und gesprächsbereit die einzelnen Vertreter*innen hinter den Tischen waren. Ob man sich über die gegenwärtige Auslage informieren, über ein Buch diskutieren oder Fragen zu bestimmten Themen stellen wollte, überall entstanden kleinere Diskussionen und Unterhaltungen zwischen Besucher*innen und Standbesitzer*innen.

 

Auslage des Verlags The Paper Channel und Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Nachdem also die anfängliche Schüchternheit überwunden war, wagte ich mich selbst vor und kam am Stand von The Paper Channel, einem Verlag mit Sitz in Tel Aviv, ein wenig ins Gespräch mit Moriel Briller, deren Werke ihr in den Fotos bewundern könnt. Sie hat das Straßenbuch-Projekt ins Leben gerufen: Überall in Berlin finden sich alte Bücher zur kostenlosen Mitnahme, manche in Hauseingängen deponiert, andere in U-Bahnstationen oder mitten auf der Straße in staubige Kartons gestopft. Moriel nimmt diese weit gereisten und alten Bücher mit und gibt ihnen eine neue Identität als cleveres Kunstwerk. Sie faltet die Seiten, sodass sich ein Symbol oder ein Wort ergibt, das zumeist auf den entsprechenden Buchinhalt abgestimmt ist. Um sie selbst zu zitieren: „Durch das Falten werden die Straßenbücher recycelt und bekommen eine neue Bedeutung – eine, die im Herzen der Menschen nachhallt.“

 

Buchskulptur von Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Was mich an ihren Arbeiten besonders begeistert, ist, dass die Bücher dabei nicht zerstört werden, wie es bspw. beim Book Carving (also dem Schnitzen von Büchern) der Fall ist. Selbst nachdem Moriel ihre Buchseitenskulpturen gefaltet hat, sind die Bücher noch immer lesbar. Man kann sie quasi von ihrem Zustand als Kunstwerk zurück zum ursprünglichen Zustand als Buch bringen und umgekehrt.

 

Buchskulpturen von Moriel Briller. Impression von der „Friends with Books“ im Hamburger Bahnhof am . Foto (c) Meike Lander.

Wer nun neugierig geworden ist und sich bereits verflucht, dass er zu spät von der Friends with Books erfahren hat, um sich Moriels Werke noch vor Ort anzuschauen – keine Sorge. Die Künstlerin ist in Berlin ansässig und stellt ihre Werke auch im SimplyMake Studio am Maybachufer 14 aus. In regelmäßigen Abständen gibt sie sogar Workshops, sodass man selbst zur Buchfalter*in werden kann.

Ich habe letzten Endes zwar keines von Moriels Werken mit nach Hause genommen, mich aber über zwei Neuanschaffungen zu Messepreisen freuen können.

Eine Sache ist mir allerdings doch aufgefallen, als ich über die Art Book Fair geschlendert bin: Einen Verlag, der die Kunst ins Kinderbuch bringt, den habe ich dort nirgends entdecken können. Und das, obwohl man sich ansonsten so darum bemüht, auch Programmpunkte für das junge Publikum zu schaffen. Vielleicht kann der Eichhörnchenverlag diesem Mangel ja in absehbarer Zeit einmal Abhilfe verschaffen.