Silent Books

Silent Books

Im heutigen Blogbeitrag dreht sich alles um eine besondere Form des Bilderbuches: die Silent Books.

Unter dem Begriff sind textlose Bilderbücher zusammengefasst, die allein durch die Bilder eine fortlaufende Geschichte erzählen und hierfür keine Worte benötigen. In diese Rubrik können auch Bücher fallen, in denen sich einzelne Worte oder Lautmalereien finden, wenn die Geschichte auch ohne diese Einsprengsel funktionieren würde und sich selbst erzählt. In der Regel sind aber Titel und der Klappentext des Buches die einzige inhaltliche Beschreibung, welche der/die Lesende erhält, wodurch der Erzählfluss allein in den Bildern liegt. Die Illustrationen „ersetzen“ die Worte, sie müssen erkannt, entschlüsselt, gedeutet und eingeordnet werden, um sich die Geschichte zu erschließen. Das schult Aufmerksamkeit, Konzepterfahrung, Interpretationsleistung und vor allem die Fantasie, da viel weniger vorgegeben ist. So beschreibt Janine Hasse Silent Books auf ihrem Blog Die Rabaukin. (1)

Dabei sind textlose Bilderbücher nicht gleichbedeutend mit Silent Books, sie stellen eine Sonderform des Bilderbuchs dar. Imme Surkamp verweist in ihrer Bachelorarbeit „Einsatz von Silent Books zur Arbeit mit Geflüchteten in öffentlichen Bibliotheken“ zudem auf Frühe-Konzepte-Bücher, die an Kleinkinder adressiert sind und bei denen lediglich einzelne Objekte auf den Seiten dargestellt werden, die nicht miteinander in Zusammenhang stehen oder nur grob einem Themengebiet angehören und benannt werden sollen. Eine dritte Kategorie bilden Wimmelbücher, die vor allem zum Suchen und Erzählen einladen sollen. Weder Konzept-Bücher noch Wimmelbücher erzählen aber eine fortlaufende Geschichte. (2)

Manche Eltern sind verunsichert, wie sie ihrem Kind die Geschichte nahebringen sollen ohne einen Text als Orientierung. Auch kann das Lesen der Bilder als befremdlich wahrgenommen werden, da wir so sehr an das geschriebene Wort gewöhnt sind und sich eine Geschichte nochmal auf ganz andere Art erschließt und man auf andere Weise ins Gespräch kommt. Dabei kann sich beim Lesen von Silent Books eine ganz eigene Dynamik entwickeln, es umgibt das Lesen eine gewisse Ruhe, daher auch der Name. Diese Dynamik beschreibt Susanne Brandt für die Bücherzentrale Schleswig-Holstein. (3) Das Lesen von Silent Books ermöglicht stärker ein individuelles Tempo beim Lesen und Betrachten, da sie nicht an die Länge des Textes gebunden sind. Da Worte immer auch die Geschichte und viel der möglichen Interpretationen vorgeben, können Silent Books noch persönlicher sein. Kinder können ihre eigenen Details und für sie wichtige Dinge entdecken und die Geschichte nach den eigenen Vorlieben entdecken. Vor allem für Kinder, die noch nicht lesen können, bieten die Silent Books eine große Bereicherung, da das Kind selbst zu Leser*in und Gestalter*in der Geschichte wird und sich diese für sich oder mit anderen gemeinsam erschließen kann.

Über die wortlosen Geschichten kann man mit seinen Kindern direkt ins Gespräch kommen, sie können den Leseprozess aktiv mitgestalten, vielleicht sogar noch stärker als bei textbasierten Bilderbüchern. Kinder können so über ihre Ideen und Gefühle sprechen, was ihnen auch in der alltäglichen Kommunikation Sicherheit bieten kann. All das ist natürlich beim Betrachten jedes Bilderbuches möglich, in der Form der Silent Books wird es aber durch die textlose Erzählweise noch verstärkt.

Der Begriff Silent Books wird nicht einheitlich benutzt und vor allem in Deutschland werden meistens die Begriffe Bilderbücher ohne Worte oder textlose Bilderbücher verwendet. Dies erschwert das Auffinden der Bücher, da sie in der Recherche keine einzelne Kategorie bilden. Existiert eine Zusammenstellung von Silent Books oder sind sie verschlagwortet, werden andere Begrifflichkeiten wie ‚Bilderbücher ohne „Text“, “Geschichten ohne Worte“ „textlos“ oder ‚wortlos‘ benutzt. Käufer*innen müssen also nach konkreten Titeln suchen oder sich auf bestimmte Listen verlassen. Dadurch wird auch die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit geschmälert. (1)

Trotz dieser Schwierigkeiten haben sich Silent Books als eigenständiges Genre etabliert und werden seit 2014 international durch den Silent Book Contest um eine neunköpfige Jury aus Verlegern, Agenten und Illustratoren ausgezeichnet.

Silent Books fallen eigentlich nicht unter mehrsprachige Bücher und doch bieten sie die Besonderheit, dass sie unabhängig von Sprache und Alphabetisierung verstanden werden können. Die Bilder fungieren als eine universelle Sprache, die sich jedem erschließt. Dadurch können sie Menschen jeden Alters und jeder Herkunft niedrigschwellig ansprechen. (3) Sie können also auch von jedem interpretiert werden, ohne dass der/die Lesenden die Sprache und Schrift des Landes beherrschen müssen, aus dem das Buch kommt. Silent Books können also Barrieren überwinden und  interkulturelle Kompetenzen schulen. Es ist leicht, zwischen den einzelnen Bildern einer Geschichte hin und her zu springen. Wird eine Szene nicht verstanden, kann in der Geschichte immer wieder zurückgeblättert werden, um Aufschluss zu erhalten. So kann der Inhalt, dem jeweiligen Niveau entsprechend, in Worte gefasst werden.

Diese Besonderheiten machen Silent Books zu wertvollen Helfern in der Arbeit mit geflüchteten Menschen. Für sie besteht eine erhöhte Gefahr, ohne Geschichten und gemeinsame Sprache zu leben, in einem Umfeld, in dem ganz andere Geschichten präsent sind. Silent Books können hier ein Anknüpfungspunkt sein. (3)

Ein Beispielprojekt ist das 2011 ins Leben gerufene Projekt „Silent Books from the world to Lampedusa and back“, welches vom IBBY Italia ins Leben gerufen wurde. Beschrieben wird es auch vom Börsenblatt, dem Fachmagazin der Buchbranche. (4) Das IBBY – International Board on Books for Young People, versteht sich selbst als nicht-kommerzielle Organisation, die ein internationales Netzwerk von Menschen aus der ganzen Welt repräsentiert, die Kinder und Bücher zusammenbringen möchte. Das Projekt beinhaltet die Erstellung einer Sammlung von Silent Books. Dazu wurden IBBY-Sektionen weltweit aufgerufen Silent Books in mehrfacher Ausfertigung (fürs Archiv, die Bibliothek und eine Ausstellung) nach Lampedusa zu senden. Insgesamt konnten im Jahr 2013 111 Bücher aus über 23 Ländern und von insgesamt 4 Kontinenten gesammelt werden.

Der zweite Teil des Projekts ist der Aufbau einer Bibliothek auf Lampedusa. Die Bibliothek soll sich dabei sowohl an die einheimischen als auch an die geflüchteten Kinder auf der Insel richten, um ihnen, egal welcher Herkunft sie sind, Zugang zu Büchern zu ermöglichen und das interkulturelle Verständnis zu fördern. Da es bisher keine Bibliothek auf der Insel gab, wird ebenso die Aufmerksamkeit auf ein Bedürfnis nach Literatur auf der Insel gerichtet. Außerdem beinhaltet das Projekt die Wanderausstellung „Silent Books final destination Lampedusa“ in der die Bücher weltweit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Auch in Deutschland und Österreich gibt es, seit dem seit 2008 die Zahl der jährlich in Deutschland gestellten Asylanträge steigt, in öffentlichen Bibliotheken verschiedene Bemühungen, Geflüchteten besseren Zugang zu Bildung und Literatur zu ermöglichen. Dazu zählen neben der Ausstellung von  kostenlosen Ausweisen, einem kostenlosen Internetzugriff oder der Nutzung unterschiedlicher Medienangebote auch die Arbeit mit Silent Books. (2)

Im Eichhörnchenverlag ist bisher die KLEINE VOGEL-WUNDERKAMMER als Bilderbuch ohne Worte erschienen. Und noch in diesem Jahr kommt KLEINER LÖWE WILLIAM, den die Bilderbuchfreunde durch seinen Tag begleiten können.

Beitragsautorin: Katharina Schulze

PS: Ein ganz großes Dankeschön für die Inspiration zu diesem Blogbeitrag geht an die Betreiberin des Instagram-Kanals kinderbücherei, die nicht nur zahlreiche hervorragende Kinderbuchempfehlungen für euch bereithält, sondern uns auch auf die zitierte BA-Arbeit „Einsatz von Silent Books zur Arbeit mit Geflüchteten in öffentlichen Bibliotheken“ von Imme Surkamp aufmerksam gemacht hat! Vielen Dank mit Gruß von Nina!

Quellen

1) Hasse, Janine: Silent books, Wetzlar 2020: https://dierabaukin.blog/2020/02/06/silent-books/ (letzter Aufruf: 07.10.2020).

2) Surkamp, Imme: Einsatz von Silent Books zur Arbeit mit Geflüchteten in öffentlichen Bibliotheken., Bachelorarbeit im Studiengang Bibliothekswissenschaft, Fakultät Informations- und Kommunikationswissenschaften, Technische Hochschule Köln, Köln 2017: https://publiscologne.th-koeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/1004/file/BA_Surkamp_Imme.pdf (letzter Aufruf: 07.10.2020).

3) Brandt, Susanne: In allen Sprachen lesbar – „Bilderbücher ohne Worte“ für Familien aus verschiedenen Herkunftsländern, Bücherzentrale Schleswig-Holstein, 2015: http://www.bz-sh-medienvermittlung.de/in-allen-sprachen-lesbar-buecher-ohne-worte-fuer-familien-aus-verschiedenen-herkunftslaendern/ (letzter Aufruf: 07.10.2020).

4) Börsenblatt: „Silent Books“ für Flüchtlingskinder, 2015: https://www.boersenblatt.net/archiv/602406.html (letzter Aufruf: 07.10.2020).

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