Waldgeschichten I
In diesem Jahr wird es noch drei neue Bücher im Eichhörnchenverlag geben, und in einem davon wagen wir uns an (oder in) einen sagenumwobenen Ort, der gerade in Deutschland die Gemüter der Menschen schon lange bewegt – den Wald.
In Rüdiger Tillmanns Bilderbuch IN DEN WALD betreten wir einen Buchenwald, in welchem der Mensch für einen Moment unsichtbar ist. Allen anderen Lebensformen gehört die Bühne. Wir Betrachtenden dürfen ihnen zuschauen und so tief durchatmen, dass wir fast schon die Frische des grünen Blätterdachs riechen können.
Der Wald als Faszinosum und Sehnsuchtsort. Damit reiht sich dieses Bilderbuch in eine lange Tradition der Waldrezeption in Deutschland ein.
Viele Jahrhunderte war der undurchdringliche Wald, der große Teile Deutschlands und Zentraleuropas bedeckte, ein als gefährlich geltender Ort. Im Mittelalter wähnte man den Wald als das Zuhause von allerlei Fabelwesen und Dämonen. Außerdem gab es in den dunklen, dichten Wäldern wilde Tiere, die durchaus eine Gefahr für den Menschen darstellen konnten. Und auch Räuberbanden bot das Dickicht allerhand Platz für verbrecherische Tätigkeiten.
Dieses Bild des schaurigen Waldes mit seinen schaurigen Sümpfen geht auch auf den altrömischen Historiker Cornelius Tacitus zurück, der über die Wildheit der Wälder Germaniens berichtete, ohne sie selbst je gesehen zu haben.
Gleichzeitig war der Wald aber auch ein wichtiger Rohstofflieferant. Neben dem sehr wichtigen Holz, zum Heizen und als Grundmaterial für Häuser und Möbel, waren auch die im Wald lebenden Tiere sowie Pflanzen und Tiere wichtige Erzeugnisse des Waldes. In “Geschichte des Waldes” von Botaniker Hansjörg Küster wird der Wald schon zur Zeit der Germanen als stark von der Bewirtschaftung durch den Menschen geprägt beschrieben.
In der Romantik durchlebte der Wald einen Bedeutungswandel und war vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein weit verbreitetes Motiv. Maler und Dichter der Zeit machten den Wald zu einem Sehnsuchtsort, in welchem alles noch heil und ursprünglich war und der Mensch mit der Natur in Verbindung treten konnte. Er stand für Beständigkeit in einer sich wandelnden Welt.
Durch den Ausbau der Städte und die Industrielle Revolution schien dieser Raum für den Menschen verloren gegangen zu sein. Ein Schlüsselbegriff wurde dabei der Begriff der Waldeinsamkeit, die der Schriftsteller Ludwig Tieck im Kunstmärchen “Der blonde Eckbert” prägte. Diese Waldbegeisterung fällt zusammen mit einer rapiden Abnahme der Waldfläche, denn durch die industrielle Revolution wurde Holz in vorher nicht gekanntem Ausmaß benötigt. Daher hatten die Romantiker auch eine große Angst vor dem Waldsterben, denn damit würden eben auch kulturelle Traditionen noch weiter verloren gehen. Die Romantisierung des Waldes war zuerst unter städtischen Intellektuellen verbreitet, die diesen Erinnerungsort zwar besuchten, nicht aber Seite an Seite mit ihm lebten wie die Landbevölkerung. Im frühen 20. Jahrhundert hatte sich der Wald als Symbol der Eintracht von Mensch und Natur dann auch immer mehr in der Arbeiterschaft durchgesetzt und wurde nun zu einem Lebensgefühl aller sozialen Schichten.
Auch die Nationalsozialisten zeigen eine starke Begeisterung für den Wald und überhöhen “den deutschen Wald” und “die deutsche Eiche” im Sinne völkisch-rassistischer Ziele. Sie sahen sich als Nachkommen eines Waldvolkes der Germanen. Die Beständigkeit des Waldes sollte dabei an die angebliche lange Linie dieses Volkes erinnern. Auch Natur- und Waldschutz wurden propagiert und kamen einem Schutz des Volkes gleich. Nach 1945 verlor der Wald als politisches Symbol an Bedeutung.
Der Wald kommt danach in Heimatfilmen vor, die eine heile, oft etwas kitschige Welt zeigen, oder auf verschiedensten Natur- und Jagdbildern, bevor er als Teil der Ökobewegung in den 1980er Jahren im Zuge von Umweltverschmutzung und Waldsterben erneut Aufwind erfährt.
Auch heute noch suchen Menschen im Wald einen wilden, von der Zivilisation unberührten Ort, der ihnen Erholung und Flucht aus dem Alltag ermöglicht. Dabei ist es vielen Waldbesucher*innen wichtig, möglichst wenig vom Eingreifen des Menschen durch Forstwirtschaft zu sehen, viele sehnen sich auch nach Einsamkeit. Ebenso wird dem Waldbaden eine positive gesundheitliche Wirkung zugeschrieben, wie beispielsweise die Studie „Soziokulturelles Waldmonitoring Bayern – WaMos Bayern“ aus dem Jahr 2020 zeigt. Die Sehnsucht nach dem Wald hält also weiterhin an. Auch der Preis “Das Buch des Jahres 2025” der Stiftung Buchkunst geht mit „Buchenwald – Im Dickicht vom Ettersberg“ von Christian Rothe an ein Werk, in dem sich der Naturraum Wald und Zeitgeschichte überlagern.
Beitragsautorin: Katharina Schulze-Bergner
Quellen
Gaggermeier, Anika; Eisele, Helena: Erholungsort Wald: den Alltag zurücklassen, 21.06.2022, unter: https://www.waldwissen.net/de/lernen-und-vermitteln/oeffentlichkeitsarbeit/erholungsort-wald-den-alltag-zuruecklassen (letzter Aufruf: 30.10.2025).
Kirchhoff, Thomas: Sehnsucht nach Wald als Wildnis, In: Apuz Aus Politik und Zeitgeschichte, December 2017, unter: https://www.researchgate.net/profile/Thomas-Kirchhoff-4/publication/321424722_Sehnsucht_nach_Wald_als_Wildnis/links/6499df32b9ed6874a5dce1f6/Sehnsucht-nach-Wald-als-Wildnis.pdf (letzter Aufruf: 09.09.2025).
Lehmann, Albrecht: Natur und Kultur begegnen sich im Wald. Mythos Deutscher Wald: Waldbewusstsein und Waldwissen in Deutschland,
https://www.buergerundstaat.de/1_01/wald_01.pdf#page=6 (letzter Aufruf: 28.10.2015).
Redaktion Börsenblatt: „Buchenwald“ erhält den Preis der Stiftung Buchkunst, 5. September 2025, unter: https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/buchenwald-erhaelt-den-preis-der-stiftung-buchkunst-2025-387825 (letzter Aufruf: 16.09.2025).
Rothe, Christian: Buchenwald – Im Dickicht vom Ettersberg, 2025, Hartmann Books.
Sigg, Christa: Der Wald in der Romantik; Seelenvolles Rauschen, Goethe-Institut, März 2021, unter: https://www.goethe.de/ins/ee/de/kul/sup/www/22212658.html (letzter Aufruf: 08.09.2025).
Westfälische Nachrichten: Sehnsuchtsort: Die Romantiker und der Wald, 24.07.2018, unter: https://www.wn.de/welt/kultur/buch/sehnsuchtsort-die-romantiker-und-der-wald-1253625 (letzter Aufruf: 09.09.2025).
Wölker, Anja: Die Deutschen und ihr Wald, 07.07.2020, unter: https://www.planet-wissen.de/natur/landschaften/deutscher_wald/deutscher-wald-sehnsuchtsort-100.html (letzter Aufruf: 09.09.2025).
Titelbild: Reinermann, Friedrich Christian: Die Ruine Kalsmunt bei Wetzlar, 1805, Städel Museum, Frankfurt am Main.
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