Kraft schöpfen im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Kraft schöpfen im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Wenn Eichhörnchen einen Tapetenwechsel brauchen, dann fahren sie manchmal in eine ungewohnte Stadt und erkunden ein bisher unbekanntes Museum. Diesmal: das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Vor einiger Zeit schon hatte ich von der aktuellen Ausstellung TIERE. Respekt/Harmonie/Unterwerfung im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg gelesen und wollte sie unbedingt besuchen, auch mit Blick auf die Landtiere und meine Ansehung der, oft die Vorzeichen wechselnden aber eben doch wiederkehrenden, Beschäftigung verschiedener zeitgenössischer Künstler (unter ihnen auch Susanne Haun) mit dem Thema und Motiv Tier.

Es hat mich darum sehr gefreut, dass sich in dieser Woche nun die Gelegenheit zu einem Kurztrip ergab.

Die Ausstellung habe ich dann in Begleitung meiner dreijährigen Tochter besucht, was uns beiden viel Freude gemacht hat, auch wenn es für mich bedeutete, die Raumtexte kaum beachten zu können. Gemeinsam haben wir unsere Entdeckungen aus der Ansehung der Exponate heraus gemacht und viel Zeit im Gespräch vor ihnen verbracht. Das Museum kann sich darüber auch freuen, denn nun liegt die Begleitpublikation zur Ausstellung bei mir zu Hause und harrt der theoretischen Nacharbeit. Ich kann die Ausstellung wirklich mit und ohne Kind unbedingt empfehlen. Ich fand sie sehr ansprechend gestaltet, auch mit Blick auf die sicher nicht ganz einfache Zusammenstellung und Platzierung der sehr unterschiedlichen Exponate. Von genussvollem Augenschmaus zu schmerzvoller Gewalt ist das Spektrum der Mensch-Tier-Beziehung groß und wird gut abgebildet und hinterfragt. Durchaus nicht leicht verdaulich und trotzdem wunderschön!

Es gibt im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg natürlich noch einiges anderes zu entdecken. Wir waren später noch in der, ebenfalls bis Anfang März 2018 laufenden, Ausstellung BilderKatzenBilder woher diese Perle stammt, die uns beiden viel Freude gemacht hat und auch bei der Sammlung historischer Instrumente.

Danach waren wir beide dann doch ziemlich platt und fast wäre es auf der Treppe von den Schließfächern ins Foyer noch zu einem kleinen Eklat gekommen (sie wollte nicht mehr laufen und ich wollte nicht mehr tragen…), aber dann haben wir im Stein der Treppenstufen diese wunderbaren Einschlüsse gefunden, sind einfach eine Weile sitzen geblieben und haben neue Kraft geschöpft.

 

Im KunstSalon von Susanne Haun wurde ich letzte Woche gefragt, was wichtiger sei im Landtierebuch, die Texte oder die Bilder. Die fragende Gästin fühlte sich offenbar selbst besonders in der Musik zu Hause und so kamen wir schnell darauf, dass es solche Rangfragen und Wettstreite zwischen allen Künsten immer wieder zu geben scheint. In der Kunstgeschichte ist da besonders der, schon in antiker Literatur (Historia naturalis von Plinius d. Ä.) behandelte und in der frühen Neuzeit weiter kultivierte, Paragone der Schlüsselbegriff für einen Wett- oder Rangstreit zwischen den Künsten, in Bezug auf das Verhältnis der bildenden Künste untereinander – besonders der Malerei und Bildhauerei – und auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen den bildenden Künsten und den artes liberales. Ich kann hierzu nur immer wieder die wunderbare Wagenbachübersetzung der Proemien der Vite Giorgio Vasaris* empfehlen. In Bezug auf den Paragone zwischen der Malerei, Bildhauerei und Architektur zieht Vasari den versöhnlichen Schluss, dass alle drei den gleichen Vater, nämlich den Disegno zur Wurzel hätten und daher auch gleichwertig seien.
Ich habe die Vite Vasaris schon während meines Abiturs gelesen und vielleicht haben sie mich geprägt, denn ich vertrete grundsätzlich einen ähnlich egalitären Standpunkt in Bezug auf alle Kunstformen, wie Vasari ihn mit seinem Disegno-Begriff für die drei bildenden Künste (Malerei, Bildhauerei und Architektur) schafft. Ich glaube nicht, dass irgendeine Kunstform mehr wert oder wichtiger sei als eine andere. Ich weiß aber auch, dass ich persönlich zu einigen Formen leichter Zugang finde, als zu anderen. So fällt es mir zum Beispiel leichter über Susanne Hauns Bilder nachzudenken und auch zu schreiben als über Gerd Knappes Texte. Manchmal fehlen mir auch schlicht die passenden Begriffe, um meine Gedanken in Bezug auf bestimmte Texte präzise auszudrücken. Auf diesem Blog aber entsteht so ein Ungleichgewicht, dem ich mit der neuen Rubrik Zeit für Zeilen ein Gegengewicht geben möchte. Hier werde ich besondere Texte und Textpassagen aus dem Hause Eichhörnchenverlag und anderswo vorstellen und auch einige meiner Gedanken zu diesen formulieren. Den Anfang macht natürlich ein Text von Gerd Knappe, genauer die vorletzte Zeile aus dem Bilderbuch Landtiere.

Kann man nicht zwingen

„Kann man nicht zwingen“ ist der vorletzte Satz auf der letzten Seite des Bilderbuchs Landtiere. Der ganzen Strophe auf dieser Seite ist nebenstehend das Bild eines Pferdes sowie zweier Menschen/Bauersleute zugeordnet.

Der vollständige Textentwurf Gerd Knappes zum Thema Pferd umfasste ursprünglich vier Strophen von je vier bis sechzehn Versen Länge. Gekürzt wurde in Absprache mit dem Autor, um den textlichen Umfang der Landtiere so zu gestalten, dass er auch für Babys und Kleinkinder voll erfahrbar und erinnerbar bleibt.

Einen lyrischen Text zu kürzen ist keine leichte und auch keine sehr angenehme Aufgabe. Sie beinhaltet auch immer eine Frage nach Deutungshoheit. Ist der Autor/Künstler Herr über sein Werk? Wessen Aufgabe ist es zu interpretieren, zu präsentieren und zu vermitteln? Was und wie gekürzt wird, folgt dann auch vielen verschiedenen Kriterien, die hier nicht alle ausgebreitet, aber doch kurz erwähnt werden sollen.

„Pferd“ 2. Strophe (c) Gerd Knappe. Landtiere. 2017, S. 19.

Ein Vers, dessen Kürzung bzw. Streichung nie zur Debatte stand, war „Kann man nicht zwingen“. Er gibt einer persönlichen Überzeugung Ausdruck, nach welcher die Grundlage jeden Miteinanders der achtsame Umgang miteinander sein sollte, nach welcher die Akzeptanz der Andersartigkeit eines Gegenübers die Basis jedes Gesprächs ist und nach welcher im Zweifel auch ausgehalten werden muss, wenn einmal kein Konsens, keine Einigung erzielt werden kann. Achtsamkeit, wie sie hier beschrieben ist, ist auch Teil dessen, was bei einer Vorlesesituation mit Kindern entstehen kann. Unter anderem deshalb ist der genannte Vers ein Höhepunkt des Buches.
Er ist aber auch, wenn man eher auf der sprachstrukturellen Ebene schaut, der entscheidende Wendepunkt des Gedichts und besonders dieser Strophe. Bis dahin sind die Verse der Strophe nach dem wiederkehrenden Schema

„Kann man“ + Aktion

aufgebaut. Das Pferd ist dabei stets passiv. Etwas wird mit ihm getan, wodurch es gleichzeitig eine Anzahl an Attributen erhält und definiert wird (z. B. reitbar). Dem gegenüber gibt es ein nicht näher beschriebenes (menschliches) Pendant als aktiven Part (Akteur). Mit dem fünften Vers der Strophe sehe ich das Schema langsam aufbrechen. „Seine Freude an etwas haben“ das kann man auch aus der Ferne und sogar unbemerkt, zum Beispiel als stiller Beobachter. Es ist nicht zwingend ein Eingriff in die Freiheit des Pferdes. Der auch strukturell wunderschöne Vers 6 (Kann man wenn man kann) führt darauf den ersten deutlichen Zweifel an der, durch die stete Wiederholung des „Kann man“ postulierten, Potenz des Akteurs ein, aber erst Vers 7 bricht sie vollständig auf. Das bisher verfolgte Schema

„Kann man“ + Aktion

wird von einer Negation gebrochen, die zum Dreh- und Angelpunkt des ganzen Gedichts wird und auch erst den Weg zum versöhnlichen Vers 8, dem Abschlussvers ebnet.

Kann man nicht zwingen
„Kann man“ + Negation + Aktion

Der letzte Vers des Gedichts wechselt darauf konsequenterweise die Perspektive und beschreibt das Wesen des Pferdes wieder vom Pferd her und nicht aus einer Außenperspektive heraus. Damit schließt er auch den Bogen zur ersten Strophe (Die auf der vorangehenden Seite bei einem anderen Pferdebild steht und dem*der Leser*in folglich eigentlich bereits bekannt ist.), welche ebenfalls auf „zum Laufen geboren“ endet und vollständig der pferdenahen Perspektive folgt.
Zwischen den Versen 6 und 7 gab es ursprünglich übrigens noch einen anderen Vers:

„Kann man wenn man kann
[Kann man schlachten]
Kann man nicht zwingen“

Ich finde, auch in diesem Vers liegt viel Wahrheit. Man kann ihn gut auf die gelegentliche Unmöglichkeit Konflikte aufzulösen beziehen, die sich in manchen Begegnungen und Beziehungen ergeben kann. Auch ist er ein sehr deutliches Signal für die dramatische Zuspitzung, die sich in diesem Abschnitt des Gedichts ereignet, um gleich darauf aufgelöst zu werden. Es liegt aber offenkundig auch viel Brutalität darin. Vielleicht ist der*die ein oder andere ganz froh, die Gute-Nacht-Geschichte nicht mit einer Erklärung des Wortes „schlachten“ abschließen zu müssen?

Zum Abschluss noch dies: Meine kleine Testhörerin hat sehr schnell gespürt, dass es mit dem Satz „Kann man nicht zwingen“ eine besondere Bewandtnis hat und dass er sich eben nicht allein auf das Pferd, sondern auch auf sie bezieht. „Man kann mich nicht zwingen!“ darf von mir aus gern bei ihr hängen bleiben. Jedoch, natürlich stimmt das nicht. Eigentlich heißt es „Man darf mich nicht zwingen!“. Die Macht zum Zwang haben wir Erwachsenen nämlich doch über unsere Kinder. Es ist gut, wenn uns ein Bilderbuch gelegentlich daran erinnert, dass es eine Macht ist, die uns vor allem dann stärkt, wenn wir sie nicht gebrauchen.

 

*Vasari, Giorgio: Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Eine Einführung in die Lebensbeschreibungen berühmter Künstler. Neu übersetzt und kommentiert. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2004.

 

Anfang letzter Woche fand im Kulturzentrum in Rathenow die Herbsttagung des Museumsverbands des Landes Brandenburg e. V. statt. Thema der Tagung war „DDR-Geschichte im Museum – neue Fragen, neue Ansätze“. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich mir diese beiden Tage frei machen konnte, um nicht nur einer Leidenschaft (die sich aus der Freude an Kunst und Geschichte und eben auch aus deren Vermittlung speist) zu frönen, sondern auch meinen Horizont auf einem Gebiet zu erweitern, dass nicht mein Fachgebiet ist – denn ich habe noch nie in einem direkt musealen Kontext gewirkt und DDR-Geschichte ist auch nicht gerade ein Steckenpferd meinerseits. Viele sehr unterschiedliche Institutionen und Projekte hatten im Rahmen der Tagung Gelegenheit, sich und ihre Arbeit vorzustellen und so habe ich vor allem eines mitgenommen: Vorfreude darauf, bald wieder einmal ein Museum zu besuchen – gern auch eines, dass ich noch gar nicht kenne und das mich vielleicht aus meiner persönlichen Wohlfühlzone holt!
Einige der aufgeworfenen Themen hatten durchaus Potenzial zur kontroversen Betrachtung und haben nachdenklich gestimmt. Die schwierige Situation der Museen in Polen kam zur Sprache, denn natürlich bewegen sich Museen als Bildungsträger und Wissensvermittler immer auch in Beziehung zu den Staaten in welchen sie sich befinden, sind abhängig von deren Werten und Denkmustern. Können und sollen Museen neutral sein, unabhängig von den Ideologien in ihrer Umgebung, aber auch von den persönlichen Werten ihrer Kuratoren, wurde mehrmals gefragt. Wie umgehen mit Werten und Wertungen?
Ein anderes spannendes Thema war die nach wie vor große Verflechtung der jüngeren Geschichte (DDR-Geschichte) mit den aktuellen politischen und persönlichen Lebenswelten, in welchen wir uns bewegen. Die Zeit bis 1990 ist eben noch lange nicht aufgearbeitet – viele wissen dies sehr gut aus ihrem persönlichen Leben – und auch Museen müssen damit besonders umgehen. Sie merken dies nicht zuletzt an den Reaktionen ihrer Besucher, die wohl oft genug so kontrovers sind, wie sonst kaum bei einem historischen Thema.
Was machen wir daraus? Weiter fragen, weiter schauen, diskutieren. Museen sind auch Verhandlungsräume, Ideen- und Gedankenschmieden, in denen Deutungshoheiten und Werte infrage gestellt werden können, besprochen und erarbeitet werden müssen. Immer wieder.
Es sollte nur niemand glauben, am Eingang eines Museums könne man getrost seinen kritischen Kopf abgeben und bekäme reine Wahrheit serviert. Dann fängt es an, Spaß zu machen!
Ich bin dann mal Museum.

Neulich begegnete mir auf Twitter ein Bild der Leda mit dem Schwan in einer Version des irischen Künstlers Dr. Robert Bohan. Die Bildsprache dieses Künstlers lebt von kräftig-leuchtenden Farbflächen, schematischer Reduktion der Figuren und zweidimensional-grafischer Ästhetik. Robert Bohan hat seinen Doktortitel in den Naturwissenschaften erworben und seine Interessenschwerpunkte wohl im Bereich der Botanik gefunden – dies scheint seinen Bildern anzusehen. Immer wieder schwanken seine Arbeiten zwischen naturwissenschaftlicher Akkuratesse und traumdeuterischer Seelenerkundung.
Leda mit dem Schwan ist ein bekanntes und oft gesehenes Motiv in der Kunstgeschichte und geht auf einen griechischen Mythos zurück. Auch ich zähle zwei Versionen dieses Motivs zu meinen Lieblingsbildern bzw. unter jene Bilder, die mir besonders im Gedächtnis haften geblieben sind. Es handelt sich dabei um ein Gemälde von Giampietrino nach Entwürfen von Leonardo da Vinci und ein Gemälde von Antonio Allegri (genannt Il Correggio). Dazu später mehr.
Die Leda mit dem Schwan von Robert Bohan ist ganz in blau gehalten und strahlt eine große Ruhe und liebevolle Zuwendung aus. Sie führte mir den Facettenreichtum des Motivs und den großen interpretatorischen Spielraum vor Augen, den ein Künstler bei der Behandlung dieses Themas hat. Robert Bohan zeigt Leda und Zeus in Gestalt des Schwanes als Liebespaar innig verschmolzen, zugewandt, zärtlich ohne dabei aber eigentlich geschlechtlich oder sexuell zu erscheinen.
Ganz anders die Darstellung Correggios, die heute in der Gemäldegalerie in Berlin bewundert werden kann. Diese Version ist (wie die allermeisten Versionen des Motives, die ich kenne) hoch erotisch. Leda und Schwan sind hier zwischen einer Gruppe Badender, Schwäne, dem musizierenden Eros und zwei Putten während des Geschlechtsaktes dargestellt. Das Bild war ursprünglich Teil eines Zyklus, der die erotischen Abenteuer Zeus zum Inhalt hatte und um 1530 von Federico II. Gonzaga, dem Herzog von Mantua in Auftrag gegeben worden war. Die Darstellung ist explizit und lässt keinen Spielraum für Interpretationen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert wurde sie deshalb einmal zerstört. Damals befand sich das Bild im Besitz des Herzogs Philippe von Orléans, dessen Sohn es in einem „Anfall religiösen Wahns“ zerschnitt.

Leda mit dem Schwan. Antonio Allegri (Il Correggio), um 1531/32. Gemäldegalerie Berlin.

Andere bekannte Darstellungen der Leda mit dem Schwan gehen auf (inzwischen verlorene) Vorbilder von Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci zurück. Zu diesen gehört auch das Bild von Giampietrino. Es ist wiederum ganz anders geartet als die beiden zuvor besprochenen Kunstwerke. Hier ist Zeus in Gestalt des Schwans gar nicht mehr dargestellt. Stattdessen lädt die Figur der Leda mit ihrem dem Betrachter zugewandten Blick und der offenen auf zwei Kinder weisenden Hand ein, den Nachwuchs aus der Begegnung mit dem Gott zu bestaunen. Insgesammt sind es, wie im Mythos beschrieben, vier Kinder, die aus Eiern geschlüpft sind. Die Schalen liegen noch auf dem Boden verteilt.

Leda mit ihren Kindern. Giampietrino, um 1508-1513. Gemäldegalerie Alte Meister Kassel.

Ich persönlich mag dieses Bild, wie auch andere Darstellungen nach Leonardos Entwürfen, die neben Leda und den Kindern auch noch den Schwan beinhalten, sehr. Mir gefällt die unaufgeregte und friedvolle Zuneigung zwischen der Mutter und ihren Kindern. Mehr noch fasziniert mich aber die Überschreitung und Durchbrechung von Denkmustern und Sehgewohnheiten, welche die aus den Eiern schlüpfenden Kinder bedeuten. Dieses Detail ist ein Kuriosum, das – obwohl im Mythos beschrieben – nicht allzu oft dargestellt wird. Außerdem ist es noch etwas komplexer, denn Leda schlief in der fraglichen Nacht auch noch mit ihrem Gatten, dem König Tyndareos. Welche der vier entstandenen Kinder die Nachkommen Zeus sind und welche von Tyndareos stammen sowie ob sie nun alle aus Eiern geschlüpft oder eines geboren wurde, wird unterschiedlich angegeben. Eine zweifelsohne spannende Konstellation.

 

Literaturhinweise:

Michaelis, Rainer [Redaktion]: Gemäldegalerie Berlin. 200 Meisterwerke. Berlin 2010, bes. S. 374, 375.

Zöllner, Frank; Nathan, Johannes: Leonardo da Vinci. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Köln 2007, bes. S. 184-191.

von Katharina Schulze

Der Blogbeitrag vom 28.04.2017 machte bereits sehr deutlich, dass Textilien und textile Kunst uns im Alltag ständig und auf vielfältigste Weise begegnen. Man denke nur an den Trend des Guerilla-Knittings, der gerade in Großstädten um sich greift und bei dem Gegenstände wie Bänke oder Fahrradständer, manchmal auch ganze Gebäude umhäkelt oder umstrickt werden. Bei Kindern finden sich neben Stoffbüchern auch Stofftiere- und Puppen und auch die Kleidung, die jeder von uns trägt, gehört dazu, auch wenn diese sicher nicht immer als Kunst angesehen wird.
In Europa war die textile Kunst besonders auf Kleidung ausgerichtet und wurde so, im Vergleich zur bildenden Kunst, oft nicht direkt als eigenständige Kunstform wahrgenommen. Auch war sie meist mit praktischen Aspekten verbunden und wurde in der Folge auch eher dem Handwerk als tatsächlich der Kunst zugerechnet. Das führte dazu, dass Textilkunst aus der Hochkultur herausfiel und getrennt von den bildenden Künsten nicht im kulturhistorischen Kanon betrachtet wurde und somit auch weniger Anerkennung fand.

Silk Velvet Textile, Detail eines Bildes aus Seiden- und Samtstoff, unbekannter Künstler, 17. Jahrhundert, The Museum of Islamic Art, Qatar.

Zu diesem Bild trug auch die enge Verknüpfung von textilen Arbeiten wie nähen, sticken, häkeln mit dem weiblichen Lebensbereich bei, der wiederum nicht so hoch geschätzt wurde, wie die männliche Sphäre. Sie wurden oftmals als Hausarbeit angesehen und ihnen kein Raum für Kreativität und keine Bedeutung zugestanden. Über die Herabsetzung der von Frauen ausgeführten kunsthandwerklichen Techniken wurde ihnen auch der Zutritt in die hochkulturelle Kunst wie der Malerei oder der Dichtung verwehrt.
In Ländern Afrikas, vor allem Westafrika ist textile Kunst hingegen sehr stark männlich geprägt und hierarchisiert. Ein Beispiel hierfür sind die ghanaischen Kente-Tücher, die traditionell nur von Männern hergestellt wurden. Generell ist Textilkunst viel angesehener als in Europa und sehr prestigeträchtig. Wie wichtig Textilien sein können zeigt sich auch in einer Tradition aus Nigeria, bei dem ein Stück Stoff aus der Kleidung eines Verstorbenen aufbewahrt wird, da sich in der Kleidung eine Teil der Person manifestiert hat. Wie textile Kunst bewertet wird hängt also stark von dem kulturellen Umfeld ab, in welchem sie geschaffen wird.

Der Aspekt der Nutzbarkeit im Alltag tritt in der zeitgenössischen Textilkunst vermehrt in den Hintergrund, Farben und Formen sind entscheidend und rücken sie der Bildhauerei näher.
Die Frage, warum gerade textile Ausgangsstoffe für diese Kunstwerke benutzt werden, lässt sich sehr unterschiedlich beantworten. Gerade bei kleineren Werken kommt zur Ebene des Sehens die des Fühlens hinzu, welches der bildlichen Kunst oft verborgen bleibt. So sind die Werke noch einmal ganz anders erfahrbar, manchmal realer und so vor allem für Kinder spannend.
Zudem geht es um Stoffe und Gewebe, um Gewebe als Urbild des Sozialen. Über die Strukturen der Textilien kommt es zu einer Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und darüber, was diese zusammenhält. Neue Entwicklungen und Veränderungen werden so verarbeitet und können Orientierung bieten. Es gibt auch die Ansicht, dass textile Kunst derzeit in vielen Museen und im privaten Rahmen mit Handarbeiten wie sticken, häkeln und Co. solch einen Aufschwung genießt, weil der Alltag vieler Menschen durch die Medialisierung unsinnlicher wird. Über die direkte Arbeit mit den Händen wird dem ein Ausgleich geschaffen. Bereits zwischen 1870 und ca. 1920 gab es mit der Arts and Craft-Bewegung einen künstlerischen Ansatz, der auf die Industrialisierung reagierte und eine Rückbesinnung auf das Handwerk anstrebte. Kunst und Funktion sollten miteinander verbunden sein und so zu einer schöpferischen Anerkennung der Handwerkskunst führen.

Über die Arbeit mit Textilien können aber auch ganz persönliche Erfahrungen bearbeitet werden, wie es die erst relativ spät berühmt gewordene Louis Bourgeois mit ihren Puppen „Seven“ tat. Diese aus weichem Material gefertigten Puppen, die sich nackt gegenseitig Halt geben stehen im Kontrast zur Härte des Thematik, die sie darin beschreibt. Immer wieder hat sie sich mit dem schweren Verhältnis zu ihrem Vater auseinandergesetzt, welches aus dem patriarchalen Verhalten des Vaters erwuchs. Ebenso hat sie in ihren Werken aber auch immer wieder die Liebe zu ihrer Mutter verarbeitet.

Die Künstlerin Marie-Christine Chammas, deren Werke auch auf der Textile Art Berlin 2017 zu sehen waren, verarbeitet ebenfalls Kindheitserinnerungen. Sie stickt Sprichwörter, die sie selbst als Kind immer sehr beeindruckt haben, auf und fügt deren, sonst meist mündlich überlieferter, Bedeutung eine weitere Komponente hinzu.

Zum Abschluss hier noch drei Impressionen von der Textile Art Berlin 2017. Der Augenmerk lag stark auf zweidimensionalen Darstellungen aus verschiedenen Stoffen, Gemälden ähnlich. Außerdem gab es viel zur Quilttechnik zu bewundern. Figuren waren seltener, neben den lebensgroßen Häkelköpfen unter anderem die „Mutter Meer“ von Eva Lippert, die ich auch für euch festgehalten habe. Der große Textilmarkt, der ebenfalls in den Hallen stattfand, bot zudem die Möglichkeit sich selbst näher mit Stoffen verschiedenster Materialien zu beschäftigen und auch selbst kreativ zu werden.

Literatur:
Briegleb, Till: Textile Kunst. Der rote Faden in der Hochkunst, unter: https://www.goethe.de/de/kul/bku/20384233.html (letzter Aufruf 29.06.2017)

Herstett, Claudia: Textilkunst. Strich und Faden, unter:
http://www.zeit.de/kultur/kunst/2011-02/kunst-textilien-stoffe (letzter Aufruf 29.06.2017)

Pinther, Kerstin; Schankweiler, Kerstin: Verwobene Fäden. Textile Referenzen in der zeitgenössischen Kunst Afrikas und der Diaspora, In: FKW. Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, Heft 52 Dezember 2011, S. 72-87, unter:
http://www.fkw-journal.de/index.php/fkw/article/viewFile/1225/1222 (letzter Aufruf 29.06.2017)

Schulze, Karin: Trend zur Textilkunst. Jetzt spinnen sie alle, unter: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kunst-textil-ausstellungen-in-wolfsburg-paris-bielefeld-leipzig-a-927683.html (letzter Aufruf 29.06.2017)

http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/ausstellungen/kunst-and-textil-stoff-als-material-und-idee-in-der-moderne-von-klimt-bis-heute/ (letzter Aufruf 29.06.2017)

http://www.textile-forum-blog.org/de/2014/06/textile-art/ (letzter Aufruf 29.06.2017)

Der Eichhörnchenverlag hat einen Wachstumsschub! Seit Anfang dieser Woche verstärkt Katharina Schulze unser Team. Die Kulturhistorikern hat im März ihr Studium an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) abgeschlossen und ist jetzt Master of Arts.
Ihren Hauptaugenmerk legte Katharina Schulze während ihres Studiums in die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Sie beschäftigte sich intensiv mit Fragen des Gedenkens und der Erinnerungskultur und war unter anderem an der Entstehung des Dokumentarfilms „Zwischen Erinnern und Vergessen“ beteiligt.
In ihrer Abschlussarbeit untersuchte Katharina Schulze die Frauenbilder im Magazin „Reigen. Magazin für galante Kunst“, welches in den Jahren von 1919 bis 1928 in Berlin und Leipzig erschien. In ihrer Arbeit dokumentierte und analysierte sie den intensiven Umgang mit sich wandelnden Geschlechterbildern und Frauenrollen in den Bildern und Texten des Magazins.

The Shame of the Pharaoh’s Daughter. Ludwig Lutz Ehrenberger. Titelblatt. Reigen. Magazin für galante Kunst. Sonderausgabe Film. Winter 1920.

Im Jahr 2013 absolvierte Katharina Schulze schon einmal ein Praktikum an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt, sammelte dort Theatererfahrung und war an der Entstehung des Stückes „Blick zurück nach vorn – eine Zeitreise durch brandenburgische Kindheiten“ beteiligt. Jetzt sucht sie im Rahmen eines längeren Praktikums Einblicke in die Verlagsarbeit beim Eichhörnchenverlag. Ihre Arbeit wird euch in Zukunft an einigen Stellen begegnen, sicher auch in ein oder zwei Blogbeiträgen, auf die ihr euch schon freuen könnt.
Für den Eichhörnchenverlag ist es ein Jubelfest, dass sie nun da ist, denn gerade in dieser heißen Phase, in welcher bald unser erstes Buch in die Produktion gehen soll, können wir jede Unterstützung gut gebrauchen. Außerdem macht es riesig Spaß, Gedankenpingpong mit ihr spielen zu können, gemeinsam Konzepte zu entwickeln, Ideen auf den Prüfstand zu bringen, Probleme zu lösen.
Willkommen Katharina. Es ist schön, dass du da bist!

Warum also ist das Eichhörnchen im Logo des Eichhörnchenverlags blind? Warum trägt es eine Augenbinde?
Ich versprach euch im Beitrag vom 31. März, diese Frage zu einem späteren Zeitpunkt zu beantworten.
Wie das so ist mit Vorbildern und Modellen, auch sie sind nicht makellos und glatt gebügelt – Gott sei Dank, denn so bleiben sie Individuen! – und so könnte hier nun ein blindes Eichhörnchen Modell gestanden haben…
Es steckt aber noch etwas mehr dahinter. Eine geschätzte Kunsthistorikerin und liebe Freundin gab noch vor der (offiziellen) Gründung des Verlags den Rat, die Blindheit des Eichhörnchens unbedingt auch im Logo abzubilden. Recht hatte sie, denn in der Verbindung mit einem BILDERbuchverlag wird das Attribut Augenbinde und die dadurch symbolisierte Blindheit zu einer Betonung des Sehens selbst. Die Vorstellung vom Verzicht auf die visuelle Wahrnehmung soll den Betrachter anregen, über die Bedeutung des Sehens und sensueller Erfahrung im Allgemeinen zu reflektieren.


Die Augenbinde als solche ist ein Objekt, dass vielfältig bei verschiedenen Spielen zum Einsatz kommt. Zum Beispiel bei unterschiedlichen Varianten des Blinde-Kuh-Spiels oder beim Topfschlagen. Sie steht uns daher stellvertretend für kindliches Spiel und Entdeckerlust.
Überhaupt ist die Augenbinde auch (bild-)geschichtlich betrachtet ein starkes und durchaus positiv besetztes Symbol. Man denke zum Beispiel an Darstellungen der Justitia. Ihre Augenbinde soll ihre vorurteilsfreie, ohne Ansehen der Person geschehende Rechtsprechung anzeigen. Eine vorurteilsfreie Begegnung also, die auch jedem Kind zu wünschen ist.
Zu guter Letzt ist der Akt der Abnahme einer Augenbinde auch ein Akt der Befreiung, Bestandteil eines Prozesses des Entdeckens, Erkennens und Erkenntnisgewinns. Unsere Bücher sollen Kindern und Erwachsenen helfen, sich Räume zu schaffen, in welchen sie achtsam und liebevoll Zeit miteinander verbringen können, in welchen sie in den Bildern und Geschichten gemeinsam abtauchen oder über sie in Kommunikation kommen können. All das hilft uns letztendlich, sehenden Auges und zugewandt in das Leben und durch das Leben zu gehen.
Für die symbolische und zeremonielle Kraft des Abnehmens einer Augenbinde oder eines anderen sichtraubenden Stoffes finden sich übrigens auch Beispiele in Kunst und Geschichte.
Am südlichen Eingang zum Park Sanssouci in Potsdam etwa sitzen zwei Sphingen mit auf ihnen spielenden Putti. Links (bzw. bei der westlichen Figurengruppe) trägt einer der Putti noch einen Schleier über dem Gesicht, der ihm rechts (bzw. bei der östlichen Figurengruppe) abgenommen wurde. Die Sphinx greift ihm in das Haar und dreht seinen Kopf (dem Licht entgegen?). Auch ihr Gesicht wird von dem zweiten Putto in die gleiche Richtung geführt. Die beiden von Georg Franz Ebenhech in der 1. Hälfte des 18. Jhdts. geschaffenen Skulpturen sind eigentlich als Narration in zeitlicher Abfolge zu lesen. Betrachtet man sie also nacheinander – zuerst die linke und dann die rechte – wird deutlich, dass es sich hier ebenfalls um die Darstellung eines Erkennens- und Erkenntnisprozesses handelt, auch wenn dieser gewaltsam herbeigeführt wird. Das kindliche Spiel der Putti wird hier als blind und unbedarft dargestellt und durch Zwang unterbrochen. Wir werden daran erinnert, dass Erkennen manchmal auch ein schmerzhafter Weg ist und Erkenntnis ein verletzendes Ziel sein kann. Adrian von Buttlar und Marcus Köhler, die sich einer zusammenhängenden ikonologischen Deutung des Parks Sanssouci angenommen haben, interpretieren die Skulpturen als Darstellung eines freimaurerischen Initiationsritus.


Auch wenn die starke Fokussierung der Interpretation Buttlars und Köhlers auf Freimaurersymbolik im Park Sanssouci mitunter hinterfragt werden kann, sei ihre Publikation „Tod, Glück und Ruhm in Sanssouci. Ein Führer durch die Gartenwelt Friedrichs des Großen“ an dieser Stelle zur Lektüre und besonders als Begleiter bei einem sommerlichen Besuch im schönen Park Sanssouci in Potsdam empfohlen. Es lässt sich einiges entdecken!

Buttler, Adrian von; Köhler, Marcus: Tod, Glück und Ruhm in Sanssouci. Ein Führer durch die Gartenwelt Friedrichs des Großen. Ostfildern 2012.
(Zu den Sphingen: ebd., Seite 17 und folgende.)
erschienen im Hatje Cantz Verlag

 

Hier noch ein Link zu einer Pressemitteilung der SPSG und einer anderen Interpretation der beiden Sphingen als Darstellungen von Tag und Nacht.